Die Preisträger*innen des 41. DOK.fest München
Wir freuen uns, Ihnen die Preisträgerfilme des DOK.fest München 2026 vorzustellen und gratulieren allen Gewinner*innen!
In den drei Wettbewerbsreihen DOK.international Main Competition, DOK.deutsch Wettbewerb und DOK.horizonte Competition – Cinema of Urgency konkurrierten die dafür nominierten Filme beim 41. Internationalen Dokumentarfilmfestival München um die VIKTORIA – die vom Trägerverein des DOK.fest München gestiftete Preisstatue. Darüber hinaus wurden weitere hochkarätige Preise verliehen. Insgesamt wurden Preisgelder in Höhe von 64.200 Euro vergeben.
VFF Nachwuchs-Dokumentarfilm-Produktionspreis
DRIVING EUROPE
Produzenten: Lennart Heidtmann, Felix Länge, Artur Althen
Regie: Felix Länge
„Profifußballer werden, dass mein Vater uns nie wieder verlassen muss und dass wir immer zusammen sein können.“ Alekos Sohn erzählt von seinen Träumen. Sein Vater ist ein georgischer Lkw-Fahrer, der monatelang in Westeuropa von einem Ziel zum anderen hin und her fährt. Mangelnde Rastplätze, Zeitdruck, Ausbeutung, keine Ruhezeiten. Das ist sein Alltag. Der Filmemacher Felix Länge begleitet Aleko und seine Kolleg*innen bei einem aufsehenerregenden Arbeitskampf im hessischen Gräfenhausen mit der Kamera. Unterstützt von einem Gewerkschafter erkämpfen sich die Fahrer*innen ausstehende Löhne von insgesamt 300.000 Euro zurück - mit Mut und Solidarität untereinander. Ein Kampf gegen Ausbeutung und Entwürdigung. Ina Borrmann
Jurybegründung: „Ein gelungener Dokumentarfilm fühlt den Puls der Zeit, er zeigt gesellschaftliche Entwicklungen (und Fehlentwicklungen) auf und leuchtet die Räume hinter der Fassade der Tagesaktualität aus, indem er gesellschaftliche und politische Ereignisse aus der Anonymität der Nachrichtenströme herauslöst und ihnen ein Gesicht gibt.
Dazu braucht er Rückhalt in Produktionsstrukturen, die dieser Arbeit den Weg ebnen, die technischen und organisatorischen Voraussetzungen schaffen und dem Kreativ-Team den Rücken freihalten.
Im Projekt DRIVING EUROPE scheint diese Symbiose auf besondere Weise geglückt, und was die Produktion in mehr als achtwöchiger Drehzeit auf einem südhessischen Autobahnparkplatz wie auch bei den nachfolgenden Recherchen an organisatorischer, materieller und möglicherweise auch ideeller Unterstützung zu dem Projekt beigetragen hat, lässt sich wohl erahnen. Lennart Heidtmann, Felix Länge und Artur Althen haben bei dieser Produktionsentscheidung bewiesen, was dokumentarisches Arbeiten so dringend braucht: ein sicheres Gespür für die Relevanz eines Themas, reaktionsschnelles Handeln und Durchhaltevermögen auch dann, wenn kein rasches Ende des Projekts absehbar ist.
Genau diese Fähigkeiten waren 2023 beim zweiten europaweit beachteten Streik georgischer und aserbeidschanischer Fernfahrer gefragt, denen von ihrem polnischen Auftraggeber über Monate hinweg der Arbeitslohn vorenthalten wurde und deren Protest mit einem Male ein grelles Schlaglicht auf die frühkapitalistischen Missstände der gesamten europäischen Logistikbranche warf: gnadenloser Konkurrenzdruck und Preisdumping degradiert insbesondere osteuropäische und asiatische Fernfahrer mit vollem Wissen reputierter deutscher Firmen und Handelsketten zu modernen Arbeitssklaven. Den dokumentarischen Blick über den Ort des Protestes hinaus auf den familiären Hintergrund eines Betroffenen, vor allem aber auch auf die Verantwortlichkeit der deutschen Auftraggeber zu lenken, zählt zu den Verdiensten einer Produktion, die sich würdig in das einstmals starke, inzwischen aber selten gewordene Subgenre der „Filme aus der Arbeitswelt“ einreiht und die nicht zuletzt dafür den VFF-Nachwuchs-Produktionspreis verdient hat."
Jury: Cosima Forchheimer (Produzentin),Thomas Frickel (Autor, Regisseur und Produzent), Leon Harms (Produzent)
Die Auszeichnung wird von der VFF Verwertungsgesellschaft der Film- und Fernsehproduzenten mbH gestiftet und ist mit einem Preisgeld von 3.000 Euro dotiert. Ausgezeichnet wird der*die Produzent*in des Films.
Deutscher Dokumentarfilm-Musikpreis
MATERIA PRIMA
Komposition: Atena Eshtiaghi
Regie: Jens Schanze
1615 schreibt der indigene Chronist Felipe Guamán Poma de Ayala einen Brief an den spanischen König. Jens Schanze lässt dieses Zeugnis kolonialer Ausbeutung in die Gegenwart reichen: Heute sind es europäische und chinesische Konsortien, die im Salar de Uyuni, der größten Salzwüste Boliviens, Lithium abbauen wollen: das „weiße Gold" der Energiewende. Der Film begleitet Verhandlungen der staatlichen Firma YLB mit europäischen Firmenvertreter*innen, aber auch den Widerstand indigener Gemeinschaften, die um Wasser, Umwelt, Quinoa Anbau und die mythologische Bedeutung des Tunupa-Vulkans fürchten. Kameramann Börres Weiffenbach gelingen präzise, visuell beeindruckende Bilder globaler Machtstrukturen: nüchtern beobachtet, unbequem in ihrer Klarheit. Silvia Bauer
Jurybegründung:
"Mit ihrer Musik zu MATERIA PRIMA gelingt es Atena Eshtiaghi, den Bildern von Beginn an eine zusätzliche Tiefe zu verleihen und eine eigene erzählerische Ebene zu eröffnen. Die Musik fungiert dabei als eigenständige narrative Kraft, die den Film sensibel begleitet und zugleich dramaturgisch präzise erweitert. Immer wieder schält sie sich organisch aus dem Sounddesign heraus und verbindet sich nahtlos mit der Bildsprache.
Dabei wirkt die Komposition nie beliebig oder dekorativ, sondern klar durchdacht und stimmig in ihrer Gestaltung. Sie drängt sich nicht in den Vordergrund und entfaltet dennoch große Wirkung: Mit feinem Gespür vermittelt sie emotionale Nuancen – mal zart und zurückhaltend, mal prägnant und eindringlich. Gerade diese Balance aus Subtilität und Ausdruckskraft hebt den Film in seiner Gesamtwirkung spürbar auf eine höhere Ebene.
Der diesjährige Deutsche Dokumentarfilm-Musikpreis 2026 geht an Atena Eshtiaghi für ihre musikalische Arbeit in dem Film MATERIA PRIMA."
Jury: Victor Gangl (Komponist), Dominik Giesriegl (Komponist & Dozent), Anke Petersen (Produzentin), Mirjam Skal (Komponistin)
Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert, ausgezeichnet wird das Team aus Filmemacher*in und Komponist*in. Der Deutsche Dokumentarfilm-Musikpreis wird von der Versicherungskammer Kulturstiftung gestiftet und vom Förder- und Hilfsfonds des Deutschen Komponistenverbandes DKV unterstützt.
all inclusive Award – Preis für inklusive Dokumentarfilmproduktionen
"HELLO NEW BODY, HOW ARE YOU TODAY?"
Regie: Laura Kansy
Was bedeutet es, mit einer Diagnose zu leben, bei der unklar ist, ob man je genesen wird?
Filmemacherin Laura Kansy ist eine von geschätzt 650.000 Menschen in Deutschland, die an ME/CFS erkranken. Mit Anfang 30 wirft sie die wenig erforschte Multisystemerkrankung plötzlich aus der Bahn. Um ihren Zustand zu begreifen, beginnt sie zu filmen – in kleinen Schritten und mit Hilfe ihres Partners. Sie stellt sich für jede Tätigkeit die Sanduhr, um sich nicht zu überfordern. Dabei entsteht ein eindrücklicher Film, der tagebuchartig die Auseinandersetzung der jungen Frau mit ihrem neuen Ich dokumentiert. Kathi Seemann
Die Jurybegründung: „Dieser Film ist ein Dokument des Unmöglichen. Mit seltenem Mut und einem grandiosen Fingerspitzengefühl schafft HELLO NEW BODY, HOW ARE YOU TODAY? das darzustellen, was nicht darstellbar sein will: Die Innenwelt und die unsichtbare chronische Erkrankung ME/CFS. Dabei übersetzt das Werk die Wahrnehmung konsequent in eine eigenständige filmische Form und bedient sich klug neben dem Bild, vor allem einem sanften und tiefgehenden Sounddesign: Für die Jurysichtung war zwar noch keine Audiodeskription verfügbar. Aber trotzdem zog der Film die blinde Jurorin von der ersten Sekunde an in ihren Bann. Das gelang zum einen durch die ruhige und schön anzuhörende Stimme der Protagonistin sowie das großartige Sounddesign, das die verschiedenen Orte erlebbar und die Innenwelten so spürbar machte. Man konnte mit der Regisseurin und gleichzeitigen Protagonistin die Schmerzen und jede Besserung und Verschlimmerung der Krankheit durchleben.
Die Dramaturgie zeigt einfühlsam, dass wir wenig darüber wissen, wie es ist, mit dieser Krankheit zu leben. Es ist uns ein persönliches Anliegen zu betonen, dass dieser Film in einer Situation entstanden sein muss, in der nichts unmöglicher und ferner erscheint, als einen Film zu produzieren. Der Regisseurin Laura Kansy ist dies mehr als gelungen. Der Film ist auch das Ergebnis eines Produktionsprozesses, der sich den Bedingungen der Behinderung jenseits fester Zeitlogiken angepasst hat. Der Film beweist damit eindrucksvoll, dass faire, nachhaltige und an den Bedarfen der Beteiligten orientierte Filmproduktionen nicht nur notwendig sind, sondern auch neue künstlerische Räume eröffnen.
HELLO NEW BODY, HOW ARE YOU TODAY? setzt damit einen wichtigen Impuls für inklusive Produktionsweisen im Dokumentarfilm und leistet einen außergewöhnlichen Beitrag zur Sichtbarkeit unsichtbarer Behinderungen."
Jury: Barbara Fickert (Initiatorin und Geschäftsführerin Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH & Bloggerin), Vika Gurina (Regisseurin, Filmvermittlerin, Videokünstlerin & Projektleiterin der AG Inklusion bei Pro Quote Film), Leonard Grobien (Drehbuchautor & Regisseur Aura Film Production)
Gestiftet von der Werksviertel-Mitte Foundation, dotiert mit 5.000 Euro. Nominiert werden Dokumentarfilmproduktionen, bei denen Filmschaffende mit Behinderungen federführend beteiligt sind. Der Preis wird im Rahmen des 41. DOK.fest München im Mai 2026 zum zweiten Mal vergeben.













