Die Preisträger*innen des 41. DOK.fest München

 

Wir freuen uns, Ihnen die Preisträgerfilme des DOK.fest München 2026 vorzustellen und gratulieren allen Gewinner*innen!

In den drei Wettbewerbsreihen DOK.international Main Competition, DOK.deutsch Wettbewerb und DOK.horizonte Competition – Cinema of Urgency konkurrierten die dafür nominierten Filme beim 41. Internationalen Dokumentarfilmfestival München um die VIKTORIA  die vom Trägerverein des DOK.fest München gestiftete Preisstatue. Darüber hinaus wurden weitere hochkarätige Preise verliehen. Insgesamt wurden Preisgelder in Höhe von 64.200 Euro vergeben.

VIKTORIA DOK.international Main Competition

THE NARRATIVE

Regie: Bernard Weber & Martin Schilt

Solange Kweku Adoboli für die UBS Gewinne einfährt, ist er willkommen. Als 2011 in den Bilanzen ein Verlust von 2,3 Milliarden Dollar klafft, wird er zur zentralen Figur eines der größten Finanzskandale der Schweizer Großbank. Die Medien beschreiben ihn als Zocker, das Gericht verurteilt ihn zu sieben Jahren Haft, 2018 wird er aus England abgeschoben. Er lebte dort seit seinem 12. Lebensjahr.
Die Filmemacher begleiten Adoboli über viele Jahre, stellen den Prozess mit Laienschauspieler*innen nach und hinterfragen das von den Medien verbreitete Narrativ. Ein Film über strukturelles Versagen, mediale Vorverurteilung und die Frage, wie viel individuelle Verantwortung in einem globalen System existieren kann. Helga-Mari Steininger

 

Jurybegründung: „Unser Gewinnerfilm ist eine Meisterleistung darin, mit der überwältigenden Komplexität der Wahrheit umzugehen. Mit einem Protagonisten, der ebenso sympathisch wie resilient ist, führen uns die Filmemacher in eine Geschichte, die „emotional intensiv“ ist, dabei aber durch einen scharfsinnigen, unverzichtbaren Sinn für Humor bemerkenswert ausgeglichen wird. Wir sind nicht bloß Beobachter*innen seiner Reise; wir dürfen und sollen mit ihm lachen, selbst wenn sich die Schwere seiner Lage immer deutlicher abzeichnet.

Aus einer zutiefst menschlichen Perspektive beleuchtet der Film die verheerenden Folgen, die es mit sich bringt, in einer Welt, die gegen einen gerichtet ist, ein s.g. „People Pleaser“ zu sein, also jemand, der es anderen permanent recht machen will und dabei sich selbst vernachlässigt. Er deckt eine tiefgreifende systemische Ungerechtigkeit auf und enthüllt die kaltherzige Verantwortungslosigkeit sowie die vielschichtigen Täuschungsmanöver mächtiger Bankinstitute. Im Kern ist der Film eine schonungslose Anklage darüber, wie leicht ein Mensch zum Sündenbock gemacht werden kann, und beleuchtet eine Geschichte des Widerstands angesichts allgegenwärtigen, alltäglichen Rassismus.

Was die Jury am meisten beeindruckt hat, ist die Fähigkeit des Films, seinen Protagonisten nicht nur als Opfer, sondern als vielschichtigen Überlebenden darzustellen. Er fängt auf brillante Weise die Spannung zwischen seiner anfänglichen Naivität und der harten Realität des Verrats durch die Institutionen ein. Letztendlich fordert uns THE NARRATIVE dazu auf, über die offiziellen Berichte hinauszuschauen, um das darunter liegende menschliche Herz zu entdecken. Diese Geschichte von Widerstandskraft verlangt nach Empathie, Gerechtigkeit und einer längst überfälligen Auseinandersetzung mit den Wahrheiten, die wir lieber ignorieren.

Herzlichen Glückwunsch an Bernard Weber und Martin Schilt!“

 

JuryHeino Deckert (Geschäftsführer Ma.ja.de & Produzent), Jacqueline Nsiah (Filmkuratorin und Programmerin), Per K. Kirkegaard (Filmeditor)

Gestiftet vom Bayerischen Rundfunk, dotiert mit 10.000 Euro. Nominiert waren Filme, die ein breites inhaltliches und formales Spektrum aufweisen und sich durch ihre hohe künstlerische Qualität auszeichnen.

VIKTORIA DOK.deutsch Wettbewerb

MEANWHILE IN NAMIBIA

Regie: Jonas Spriestersbach

„Wir sollen eine Kultur zeigen, die wir nie gesehen haben“, sagt ein Herero in Namibia in die Kamera. Der Völkermord an seinen Vorfahren durch die Deutsche Kolonialmacht hat seine Kultur verschwinden lassen. Statt Reparationen zu zahlen oder Landenteignungen aufzuarbeiten, fördert Deutschland Entwicklungshilfeprojekte wie die ‚Lebenden Museen’. Herero und andere Volksgruppen sollen Tourist*innen ihre vorkoloniale Lebensweise präsentieren. Nicht nur durch diese an Völkerschauen erinnernde Praxis werden strukturelle Ungleichheit und Rassismus in Namibia offensichtlich. Jonas Spriestersbach fängt das Unrecht mit seiner Kamera bildgewaltig ein. Seine präzisen Beobachtungen und Begegnungen werfen Fragen der Verantwortung und der deutschen Erinnerungskultur auf. Barbara Off

 

Jurybegründung: „MEANWHILE IN NAMIBIA ist in vielerlei Hinsicht ein entsetzlicher Film. Spriestersbach warnt uns, dass der Film expliziten Rassismus und koloniale Gewalt thematisiert und diese Prämisse ist schwer zu akzeptieren und im Jahr 2026 mitanzusehen. Der Beobachtungsstil des Films enthüllt auf schockierende Weise, wie Rassismus und koloniale Strukturen seit dem Völkermord an den Ovaherero und Nama durch die deutsche Kolonialmacht bis in die Gegenwart fortbestehen und keine Anzeichen einer Abschwächung zeigen. Deutsche Tourist*innen reproduzieren dies gemeinsam mit deutschen Entwicklungshelfer*innen, unterstützt durch die Finanzierung der deutschen Regierung, und prägen so die heutige Gesellschaft in Namibia, wobei sie die namibischen Bürger*innen in Schach halten. Wir sind tief beeindruckt von der einfühlsamen Kameraführung des Regisseurs, die Tourist*innen einfängt, die die Darbietung der schwarzen Bevölkerung in vorkolonialen Kostümen mit unverhohlen rassistischen und sexistischen Blicken betrachten. 

Wir sind verblüfft von den Bildern und den Handlungen und Ansichten, die sie widerspiegeln. Die Kamera wirkt nicht neutral, doch die Protagonist*innen werden so dargestellt, wie sie sich selbst präsentieren. Sie äußern sich offen vor der Kamera.

Der Regisseur unterstreicht gekonnt das Unbehagen, das der Film zu Recht hinterlässt, wenn die Kamera gelegentlich einen Perspektivwechsel zulässt, bei dem Namibier*innen das Verhalten und Auftreten der Deutschen kommentieren.

Ein intensiver und visuell atemberaubender Film, der noch lange nachwirkt.“

 

Jury: Christa Auderlitzky (Geschäftsführerin Filmdelights Vertrieb & Distributio), Inka Achté (Künstlerische Leiterin des DocPoint Helsinki Dokumentarfilmfestivals und Leiterin der Abteilung für Akquisition und Strategie bei Raina), Mira Bach Hansen (Festivalberaterin für Dokumentarfilme am Dänischen Filminstitut)

Dotiert mit 7.500 Euro. Nominiert werden Filme, die sich mit Menschen und Themen im deutschsprachigen Raum auseinandersetzen. Preisstifter ist Sky.

VIKTORIA DOK.horizonte Competition – Cinema of Urgency

UNWELCOMED

Regie: Sebastián González & Amílcar Infante

„Wir haben dort kein Leben mehr“, resümiert eine der venezolanischen Protagonist*innen und damit die ganze Essenz rund um das Thema Migration. Zwischen Altiplano, Atacamawüste und einigen wenigen Städten versuchen sie sprichwörtlich, in Chiles Inneres vorzudringen. Dem Film gelingt eine Parabel über Ankommende und Ansässige. Schmerzhaft schöne Landschaftsaufnahmen werden der hässlichen Fratze der Xenophobie gegenübergestellt: Auch hier brennen Habseligkeiten, auch hier zieht ein aufgebrachter Mob durch die Straßen und schlägt auf diese Migrant*innen ein, auch hier bezeugen Fotos das Entsetzen auf den Gesichtern jener, die nach einem tausende Kilometer langen Marsch ohne nichts dastehen und eigentlich nur eines wollen: ein anständiges Leben. Sara Gómez

 

Jurybegründung: Von Beginn an entwickelt der Film eine strenge und souveräne Bildsprache. Dunkelheit, das Rauschen des starken Windes und ein minimalistischer Textrahmen skizzieren eine Migrationsroute, bevor sich weite, desorientierende Landschaften und ein erster Erfahrungsbericht eröffnen. Aus dieser Schilderung entsteht eine Wanderung über mehrere Grenzen und Zustände hinweg, bei der Witterungseinflüsse, Höhenlage und ständige Fortbewegung Ausdauer erfordern und eher Hindernisse als Lösungen offenbaren.

Erst danach erscheint der Titel: „Si vas para Chile“. Der Satz, der auf ein bekanntes chilenisches Volkslied zurückgeht, das mit Gastfreundschaft und der Aufnahme von Fremden assoziiert wird, drückt Einladung und Willkommen zugleich aus. Doch hier steht dies im Widerspruch zu dem, was wir bereits gesehen haben. Der Film wird verortet im weiteren Kontext der venezolanischen Diaspora, einer der größten Vertreibungsbewegungen der jüngeren Geschichte.

Was diesen Film für uns auszeichnet, ist die Klarheit der formalen Entscheidungen der Co-Regisseure Sebastián Gonzaléz und Amílcar Infante. Anstatt einem einzelnen Erzählstrang zu folgen, vereinen sie eine Vielzahl von individuellen Erfahrungen, ohne in ein vereinfachtes Narrativ zu verfallen. Dadurch bleibt der Überblick gewahrt, während eine Spannung zwischen Distanz und Nähe das Zuschauer*innenerlebnis prägt. Weitläufige Luftaufnahmen halten uns auf Distanz, während Nahaufnahmen eine Unmittelbarkeit vermitteln, die bewusst unvollständig bleibt. Auf dieser Weise schildert der Film Migration nicht nur, sondern macht ihre Umstände greifbar.

Dies wird besonders deutlich in Sequenzen, die von kollektiver Gewalt geprägt sind. Der Film zwingt die Zuschauenden, sich mit dem auseinanderzusetzen, was sonst schwer zu ertragen ist. In diesen Momenten nehmen tiefere soziale und wirtschaftliche Spannungen Gestalt an. Der Film offenbart, wie Systeme, die Migrationsbewegungen regulieren, diese sowohl ermöglichen als auch einschränken. Feindseligkeit ist kein zufälliges Phänomen, sie wird erzeugt und hält trotz gemeinsamer Sprache und räumlicher Nähe an, wodurch eine Form der systemischen Ausgrenzung offenbart wird.

Für uns als Jury ist das genau, was SI VAS PARA CHILE/ UNWELCOMED zu einem herausragenden Film macht. Er verbindet formale Präzision mit politischer Klarheit, in einer Zeit, in der Migration zunehmend durch Angst und Spaltung geprägt ist, und besteht darauf, die Strukturen zu erkennen, die diese Zustände hervorbringen. Der Film erweitert unseren Horizont, indem er deutlich macht, dass es sich hierbei um eine Realität handelt, die von politischen und wirtschaftlichen Strukturen geprägt ist, und dass die Anerkennung dieser Tatsache mehr erfordert als bloße Beobachtung. Sie erfordert Verantwortung.“

 

Jury: Dario Oliveira (Künstlerischer Leiter von PortoPostDoc), Susann Knießner (Förderungskoordinatorin Berlinale World Cinema Fund), Susan Mbogo (Geschäftsführer, Docubox. Förderung)

Gestiftet von der Petra-Kelly Stiftung, dotiert mit 5.000 Euro. Nominiert waren Filme, die ihr Augenmerk auf Länder mit instabilen Strukturen richten.

megaherz Student Award

WAS AN EMPFINDSAMKEIT BLEIBT

Regie: Daniela Magnani Hüller

„Es wird eine Reise werden“ - das schrieb die Regisseurin in ihrer allerersten Filmidee. Sie hatte mit 16 Jahren eine schreckliche Gewalttat überlebt und war auch eines: Dankbar für die Menschen, die manchmal durch eine kleine Geste, eine besondere Achtsamkeit oder auch nur durch ihr Da-Sein, dafür gesorgt haben, dass sie, wie sie weiter schreibt, „die Hoffnung in die Menschen und das Gute schöpfen” konnte. Unfassbar klar und mit kinematografischer Verve erzählt, mal spielerisch detailverliebt, mal sachlich, nüchtern und brutal, geht die Filmemacherin all den Fragen nach, die in ihr aufkommen. Sie rekonstruiert eine Odyssee, die sie damals bis nach Rio führte. Denn ja: Manchmal muss man um die halbe Welt reisen, um ganz bei sich anzukommen. Jan Sebening

 

Jurybegründung: "Es war keine leichte Entscheidung, aus der Vielzahl eindrucksvoll erzählter Filme einen Gewinnerfilm auszuwählen. Umso mehr möchten wir allen nominierten Filmemacher*innen des Student Awards herzlich zu ihren bemerkenswerten Arbeiten gratulieren.

In WAS AN EMPFINDSAMKEIT BLEIBT gelingt es Daniela Magnani Hüller, eine persönliche traumatische Erfahrung männlicher Gewalt in eine Erzählung zu verwandeln, die weit über das Individuelle hinausweist und eine gesellschaftliche Dimension eröffnet.

Aus unterschiedlichsten Bildquellen erschafft Daniela ein beeindruckendes Mosaik, das uns durch die Höhen und Tiefen der Verarbeitung eines traumatischen Erlebnisses führt. In den Gesprächen mit Menschen aus ihrer Vergangenheit begegnet sie ihren Interviewpartner*innen immer auf Augenhöhe und stellt die menschliche Erfahrung konsequent in den Mittelpunkt. Gleichzeitig schafft sie eine persönliche und intime Verbindung zu ihrem Publikum.

Mit einer einzigartigen filmischen Vision überzeugt Daniela auf eindrucksvolle Weise und brilliert darin, die vielschichtigen emotionalen Prozesse von Heilung miteinander zu verweben. So entstehen immer wieder Momente, in denen wir gemeinsam über die Absurditäten lachen können, mit denen sie konfrontiert ist, ohne dass dabei jemals die Schwere oder Bedeutung des Erlebten verloren geht.

Wir gratulieren Daniela Magnani Hüller zum Gewinn des Student Awards 2026 für ihren Film WAS AN EMPFINDSAMKEIT BLEIBT."

Lobende Erwähnung: FIRST LAP CRASH

Regie: Liam Erlach

Die Schwester ist an ME/CFS erkrankt, der Bruder zieht um die Häuser und sammelt Bilder – ein cineastisches Gedicht.

Jurybegründung: "Außerdem möchten wir den berührenden Film FIRST LAP CRASH von Liam Erlach mit einer lobenden Erwähnung würdigen. Der Film schafft es, eine unsichtbare Welt durch Rhythmus, Stille und radikale Minderung sichtbar werden zu lassen. Liam findet dafür eine eigene visuelle Sprache, um Erschöpfung, Isolation und die Zerbrechlichkeit des alltäglichen Lebens auszudrücken."

Jury: José Manuel Cahuantzi (Escuela Superior de Cine), Jura Branellec (ZeLIG Bozen), Lissy Giglberger (HFF München)

Gestiftet von der Filmproduktionsgesellschaft megaherz, dotiert mit 3.000 Euro, für den Gewinnerfilm der Reihe Student Award.

VFF Dokumentarfilm-Produktionspreis

INNERE EMIGRANTEN

Produzent*innen: Lena Karbe, Anne-Catherine Witt und Kathleen McInnis
Regie: Lena Karbe

„Du kannst aufrichtiges Mitleid fühlen, aber solange du nichts tust, interessiert das niemanden.“ Moskau: Seit Beginn des Ukrainekriegs setzen sich freiwillige Mitarbeiter*innen einer Krisenhotline mit verschiedensten Problemen der Bevölkerung auseinander. Während die einen Trost suchen, wollen die anderen Bestätigung für ihre politische Überzeugung. Die Psycholog*innen versuchen, ihren Platz zu finden als diejenigen, die in ihrem Land geblieben, jedoch nicht mit dem Staatssystem im Einklang sind.
Der Film geht in ihre Wohnungen, zeigt in Nahaufnahme ihre Gesichter, die bei den nächtlichen Telefonaten nur von Display und Schreibtischlampe erhellt werden – und stellt immer wieder die Frage nach der Rolle des Individuums in der Gesellschaft. Anja Klauck

Jurybegründung: Vieles spricht dafür, den Herstellungsprozess eines Films arbeitsteilig zu organisieren. Eine versierte Produktionsfirma hält die finanziellen, administrativen und organisatorischen Fäden in der Hand und verschafft der Regie damit die dringend benötigten kreativen Freiräume.

Und doch sehen wir gerade im Dokumentarfilmbereich immer wieder Konstellationen, die nur in Personalunion von Produktion und Regie gelingen können. INNERE EMIGRANTEN von Lena Karbe liefert dafür ein herausragendes Beispiel: die Produzentin, in St. Petersburg geboren und seit ihrer Studienzeit an der Münchner Filmhochschule in Deutschland lebend, kehrt für den Film in ihre alte Heimat zurück, um über einen Produktionszeitraum von zwei Jahren hinweg ein ebenso tiefgründiges wie wahrhaftiges Bild der russischen Gesellschaft festzuhalten. Nicht durch den Einsatz gängiger journalistischer Methoden – was unter den obwaltenden politischen Rahmenbedingungen kaum möglich gewesen wäre – sondern durch einen ebenso einfachen wie genialen Einfall: sie porträtiert Psychologinnen und Psychologen einer Moskauer Krisenhotline bei ihren Beratungsgesprächen. Die Anrufer selbst sehen wir nicht, aber die Reaktionen des Beratungsteams werfen trotz der ruhigen und reflektierten Erzählweise ein Schlaglicht auf den Zustand einer zutiefst verwundeten Gesellschaft.
Dass ein solches Projekt nur unter Einhaltung strengster Geheimhaltung verwirklicht werden konnte, versteht sich von selbst, und Lena Karbe hat bei hohem persönlichem Risiko gut daran getan, keine weiteren Teammitglieder den damit verbundenen Gefahren auszusetzen. Ihr russischer Stab bleibt komplett anonym und was wir über die Dreharbeiten und den Transfer des so entstandenen Filmmaterials erfahren, liest sich wie eine Episode aus einem Agenten-Thriller. 

Dass das Gelingen eines solchen Vorhabens von deutschen Geldgebern anfangs skeptisch beurteilt wurde, verwundert nicht, aber Lena Karbe ließ auch hier nicht locker: wiederholte Einreichungen sicherten schließlich die Unterstützung des Film-Förder-Fonds Bayern, des Deutschen Film-Förder-Fonds DFFF sowie der FFA aus Mitteln des deutsch-französischen Mini-Traité, denn mit Anne-Catherine Witts Pariser Produktionsfirma Macalube-Film kam eine deutsch-französische Koproduktion zustande. Da mochten denn auch die deutschen Sender RBB und MDR nicht abseits stehen; sie stiegen mit einem knappen Drittel der Produktionskosten ein und sorgten dafür, dass das Projekt – trotz hoher Bei- und Rückstellungen der beteiligten Produktionsfirmen – zu einem guten Ende und zu einem beeindruckenden Ergebnis geführt werden konnte. Hohe Risikobereitschaft in der Dokumentarfilmproduktion zahlt sich eben doch aus, findet die Jury. Und manchmal gewinnt man damit – wie im vorliegenden Fall – sogar den Dokumentarfilm-Produktionspreis der VFF. Herzlichen Glückwunsch!"

JuryThomas Frickel (Autor, Regisseur und Produzent), Oliver Gernstl (Produzent & Geschäftsführer megaherz GmbH), Andrea Roggon (Regisseurin, Produzentin & Dozentin)

Gestiftet wird der Preis von der VFF Verwertungsgesellschaft der Film und Fernsehproduzenten mbH, er ist mit 7.500 Euro dotiert und einmalig in Deutschland.

VFF Nachwuchs-Dokumentarfilm-Produktionspreis

DRIVING EUROPE

Produzenten: Lennart Heidtmann, Felix Länge, Artur Althen

Regie: Felix Länge

„Profifußballer werden, dass mein Vater uns nie wieder verlassen muss und dass wir immer zusammen sein können.“ Alekos Sohn erzählt von seinen Träumen. Sein Vater ist ein georgischer Lkw-Fahrer, der monatelang in Westeuropa von einem Ziel zum anderen hin und her fährt. Mangelnde Rastplätze, Zeitdruck, Ausbeutung, keine Ruhezeiten. Das ist sein Alltag. Der Filmemacher Felix Länge begleitet Aleko und seine Kolleg*innen bei einem aufsehenerregenden Arbeitskampf im hessischen Gräfenhausen mit der Kamera. Unterstützt von einem Gewerkschafter erkämpfen sich die Fahrer*innen ausstehende Löhne von insgesamt 300.000 Euro zurück - mit Mut und Solidarität untereinander. Ein Kampf gegen Ausbeutung und Entwürdigung. Ina Borrmann

 

Jurybegründung: Ein gelungener Dokumentarfilm fühlt den Puls der Zeit, er zeigt gesellschaftliche Entwicklungen (und Fehlentwicklungen) auf und leuchtet die Räume hinter der Fassade der Tagesaktualität aus, indem er gesellschaftliche und politische Ereignisse aus der Anonymität der Nachrichtenströme herauslöst und ihnen ein Gesicht gibt.
Dazu braucht er Rückhalt in Produktionsstrukturen, die dieser Arbeit den Weg ebnen, die technischen und organisatorischen Voraussetzungen schaffen und dem Kreativ-Team den Rücken freihalten.

Im Projekt DRIVING EUROPE scheint diese Symbiose auf besondere Weise geglückt, und was die Produktion in mehr als achtwöchiger Drehzeit auf einem südhessischen Autobahnparkplatz wie auch bei den nachfolgenden Recherchen an organisatorischer, materieller und möglicherweise auch ideeller Unterstützung zu dem Projekt beigetragen hat, lässt sich wohl erahnen. Lennart Heidtmann, Felix Länge und Artur Althen haben bei dieser Produktionsentscheidung bewiesen, was dokumentarisches Arbeiten so dringend braucht: ein sicheres Gespür für die Relevanz eines Themas, reaktionsschnelles Handeln und Durchhaltevermögen auch dann, wenn kein rasches Ende des Projekts absehbar ist.

Genau diese Fähigkeiten waren 2023 beim zweiten europaweit beachteten Streik georgischer und aserbeidschanischer Fernfahrer gefragt, denen von ihrem polnischen Auftraggeber über Monate hinweg der Arbeitslohn vorenthalten wurde und deren Protest mit einem Male ein grelles Schlaglicht auf die frühkapitalistischen Missstände der gesamten europäischen Logistikbranche warf: gnadenloser Konkurrenzdruck und Preisdumping degradiert insbesondere osteuropäische und asiatische Fernfahrer mit vollem Wissen reputierter deutscher Firmen und Handelsketten zu modernen Arbeitssklaven. Den dokumentarischen Blick über den Ort des Protestes hinaus auf den familiären Hintergrund eines Betroffenen, vor allem aber auch auf die Verantwortlichkeit der deutschen Auftraggeber zu lenken, zählt zu den Verdiensten einer Produktion, die sich würdig in das einstmals starke, inzwischen aber selten gewordene Subgenre der „Filme aus der Arbeitswelt“ einreiht und die nicht zuletzt dafür den VFF-Nachwuchs-Produktionspreis verdient hat."

 

JuryCosima Forchheimer (Produzentin),Thomas Frickel (Autor, Regisseur und Produzent), Leon Harms (Produzent)

Die Auszeichnung wird von der VFF Verwertungsgesellschaft der Film- und Fernsehproduzenten mbH gestiftet und ist mit einem Preisgeld von 3.000 Euro dotiert. Ausgezeichnet wird der*die Produzent*in des Films. 

Deutscher Dokumentarfilm-Musikpreis

MATERIA PRIMA

Komposition: Atena Eshtiaghi
Regie: Jens Schanze

1615 schreibt der indigene Chronist Felipe Guamán Poma de Ayala einen Brief an den spanischen König. Jens Schanze lässt dieses Zeugnis kolonialer Ausbeutung in die Gegenwart reichen: Heute sind es europäische und chinesische Konsortien, die im Salar de Uyuni, der größten Salzwüste Boliviens, Lithium abbauen wollen: das „weiße Gold" der Energiewende. Der Film begleitet Verhandlungen der staatlichen Firma YLB mit europäischen Firmenvertreter*innen, aber auch den Widerstand indigener Gemeinschaften, die um Wasser, Umwelt, Quinoa Anbau und die mythologische Bedeutung des Tunupa-Vulkans fürchten. Kameramann Börres Weiffenbach gelingen präzise, visuell beeindruckende Bilder globaler Machtstrukturen: nüchtern beobachtet, unbequem in ihrer Klarheit. Silvia Bauer

 

Jurybegründung:

"Mit ihrer Musik zu MATERIA PRIMA gelingt es Atena Eshtiaghi, den Bildern von Beginn an eine zusätzliche Tiefe zu verleihen und eine eigene erzählerische Ebene zu eröffnen. Die Musik fungiert dabei als eigenständige narrative Kraft, die den Film sensibel begleitet und zugleich dramaturgisch präzise erweitert. Immer wieder schält sie sich organisch aus dem Sounddesign heraus und verbindet sich nahtlos mit der Bildsprache.

Dabei wirkt die Komposition nie beliebig oder dekorativ, sondern klar durchdacht und stimmig in ihrer Gestaltung. Sie drängt sich nicht in den Vordergrund und entfaltet dennoch große Wirkung: Mit feinem Gespür vermittelt sie emotionale Nuancen – mal zart und zurückhaltend, mal prägnant und eindringlich. Gerade diese Balance aus Subtilität und Ausdruckskraft hebt den Film in seiner Gesamtwirkung spürbar auf eine höhere Ebene.

Der diesjährige Deutsche Dokumentarfilm-Musikpreis 2026 geht an Atena Eshtiaghi für ihre musikalische Arbeit in dem Film MATERIA PRIMA."

 

JuryVictor Gangl (Komponist), Dominik Giesriegl (Komponist & Dozent), Anke Petersen (Produzentin), Mirjam Skal (Komponistin)

Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert, ausgezeichnet wird das Team aus Filmemacher*in und Komponist*in. Der Deutsche Dokumentarfilm-Musikpreis wird von der Versicherungskammer Kulturstiftung gestiftet und vom Förder- und Hilfsfonds des Deutschen Komponistenverbandes DKV unterstützt.

 

all inclusive Award – Preis für inklusive Dokumentarfilmproduktionen

"HELLO NEW BODY, HOW ARE YOU TODAY?"

Regie: Laura Kansy

Was bedeutet es, mit einer Diagnose zu leben, bei der unklar ist, ob man je genesen wird? 

Filmemacherin Laura Kansy ist eine von geschätzt 650.000 Menschen in Deutschland, die an ME/CFS erkranken. Mit Anfang 30 wirft sie die wenig erforschte Multisystemerkrankung plötzlich aus der Bahn. Um ihren Zustand zu begreifen, beginnt sie zu filmen – in kleinen Schritten und mit Hilfe ihres Partners. Sie stellt sich für jede Tätigkeit die Sanduhr, um sich nicht zu überfordern. Dabei entsteht ein eindrücklicher Film, der tagebuchartig die Auseinandersetzung der jungen Frau mit ihrem neuen Ich dokumentiert. Kathi Seemann

 

Die Jurybegründung: „Dieser Film ist ein Dokument des Unmöglichen. Mit seltenem Mut und einem grandiosen Fingerspitzengefühl schafft HELLO NEW BODY, HOW ARE YOU TODAY? das darzustellen, was nicht darstellbar sein will: Die Innenwelt und die unsichtbare chronische Erkrankung ME/CFS. Dabei übersetzt das Werk die Wahrnehmung konsequent in eine eigenständige filmische Form und bedient sich klug neben dem Bild, vor allem einem sanften und tiefgehenden Sounddesign: Für die Jurysichtung war zwar noch keine Audiodeskription verfügbar. Aber trotzdem zog der Film die blinde Jurorin von der ersten Sekunde an in ihren Bann. Das gelang zum einen durch die ruhige und schön anzuhörende Stimme der Protagonistin sowie das großartige Sounddesign, das die verschiedenen Orte erlebbar und die Innenwelten so spürbar machte. Man konnte mit der Regisseurin und gleichzeitigen Protagonistin die Schmerzen und jede Besserung und Verschlimmerung der Krankheit durchleben.

Die Dramaturgie zeigt einfühlsam, dass wir wenig darüber wissen, wie es ist, mit dieser Krankheit zu leben. Es ist uns ein persönliches Anliegen zu betonen, dass dieser Film in einer Situation entstanden sein muss, in der nichts unmöglicher und ferner erscheint, als einen Film zu produzieren. Der Regisseurin Laura Kansy ist dies mehr als gelungen. Der Film ist auch das Ergebnis eines Produktionsprozesses, der sich den Bedingungen der Behinderung jenseits fester Zeitlogiken angepasst hat. Der Film beweist damit eindrucksvoll, dass faire, nachhaltige und an den Bedarfen der Beteiligten orientierte Filmproduktionen nicht nur notwendig sind, sondern auch neue künstlerische Räume eröffnen.  

HELLO NEW BODY, HOW ARE YOU TODAY? setzt damit einen wichtigen Impuls für inklusive Produktionsweisen im Dokumentarfilm und leistet einen außergewöhnlichen Beitrag zur Sichtbarkeit unsichtbarer Behinderungen."

 

Jury: Barbara Fickert (Initiatorin und Geschäftsführerin Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH & Bloggerin), Vika Gurina (Regisseurin, Filmvermittlerin, Videokünstlerin & Projektleiterin der AG Inklusion bei Pro Quote Film), Leonard Grobien (Drehbuchautor & Regisseur Aura Film Production)

Gestiftet von der Werksviertel-Mitte Foundation, dotiert mit 5.000 Euro. Nominiert werden Dokumentarfilmproduktionen, bei denen Filmschaffende mit Behinderungen federführend beteiligt sind. Der Preis wird im Rahmen des 41. DOK.fest München im Mai 2026 zum zweiten Mal vergeben.

 

kinokino Publikumspreis – gestiftet von BR und 3sat

WHEN PIGS FLY

Regie: Denise Riedmayr

„Was ist mein Herz? Schlägt es für etwas? Oder ist es nur ein Muskel, eine Pumpe, die man ersetzen kann?” Schweineherzen gelten in der Humanmedizin als der Hoffnungsträger in der Organspende. Ein Gnadenhof bietet seinen betagten Schweinen hingegen eine ganz andere Perspektive. Der Film ist ein kluges Doppelporträt zweier Frauen, die ihren Ort gefunden haben, die sich entschieden haben, den eigenen Weg zu gehen. Zwischen Uni-Labor und Öko-Stall zeigt WHEN PIGS FLY die Entscheidungskraft, die es braucht, unbequeme Wege zu gehen. Nutztier oder empathisches Mitgeschöpf? Ohne erhobenen Zeigefinger zeigt dieser Film, wie komplex, wie spannend und wunderlich die Beziehung zwischen Schwein und Mensch sein kann. Mit grandioser Musik von Marja Burchard. Jan Sebening

Der kinokino Publikumspreis ist mit 2.000 Euro dotiert. Namensgeber und Medienpartner des Publikumspreises ist kinokino – Das Filmmagazin im Bayerischen Rundfunk | 3sat.

 

Wir bedanken uns bei unseren Preisstiftern, Partnern und Förderern:

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