Heddy Honigmann – Poetin des Augenblicks

Retrospektive

Fotocredit: John Appel

Der Fahrer sitzt am Ende des Films in seinem Taxi, einer schäbigen, klapprigen Blechkiste. Er steckt eine Kassette in den Rekorder, eine für ihn unschätzbar wertvolle Kassette, und singt ein wenig mit. Das Liebeslied, das wir hören, Folklore aus seiner Heimat, hallt noch lange nach. „Das Leben ist hart, aber schön“, sagt einer der Taxichauffeure, die Heddy Honigmann in METAL AND MELANCHOLY von 1993 porträtiert.

Scheinbar schon immer hat Heddy Honigmann die Schnelllebigkeit der Zeitläufe kommen sehen: Ihr setzt sie die Magie des Moments entgegen, die Intimität des Augenblicks. Die in Lima geborene Filmemacherin hat stets ihren sehr persönlichen Blick auf die Gegenwart und auf Menschen gerichtet, die vordergründig keine große Geschichte mitbringen, aber große innere Konflikte. Hartnäckig schenkt sie ihnen ihre Aufmerksamkeit, bis sie beginnen zu erzählen: Von ihren Erinnerungen und ihrem Leben.

Fast ausnahmslos sind es Menschen am Rande der Gesellschaft, denen sie eine Stimme verleiht. Das können die Musiker in der Pariser Metro in THE UNDERGROUND ORCHESTRA von 1997 sein, die als Geflüchtete in der Stadt ein Auskommen suchen oder die Veteranen der Blauhelm-Einsätze in CRAZY von 1999, deren Mut Geschichte schrieb, deren Geschichten aber ungehört geblieben sind.

Mit Anfang zwanzig verlässt Heddy Honigmann ihre Heimat Peru; eine Filmhochschule gibt es dort nicht. Nach Stationen in Mexiko, Spanien und Israel geht sie nach Rom, um am renommierten Centro Sperimentale di Cinematografia Film zu studieren. Als Sie schließlich 1978 nach Amsterdam zieht, findet sie dort eine neue Heimat, von der aus sie über 40 Jahre lang fast jedes Jahr einen Film dreht. Ihre Werke sind vielfach preisgekrönt, sie wurde als zweite Filmemacherin vom wichtigsten europäischen Dokumentarfilmfestival IDFA in Amsterdam mit dem „Living Legend Award” ausgezeichnet und das MoMA in New York widmete ihr eine Werkschau.

„Ich würde sie niemals verraten“, sagt sie über ihre Protagonisten. Voyeurismus ist ihr fremd, wir schauen in ihren Filmen nicht auf die Menschen, sondern durch sie und mit ihnen auf uns. Heddy Honigmanns Blick ist ein zutiefst humanistischer: Sie feiert das harte Leben in all seiner Schönheit.

Julia Teichmann und Jan Sebening

 

Im Rahmen der Retrospektive sind beim DOK.fest 2019 im Filmmuseum sechs Filme aus Heddy Honigmanns Werk zu sehen:

 

BUDDY

Niederlande 2018, 86 Min., OmeU

"Ich denke, das Wort ‚Liebe’ ist angebracht." Sie sind Führer, Wegbegleiter und noch viel mehr. In BUDDY begegnen wir sechs Blindenhunden und ihren Besitzern. Bei einer 86-jährigen Frau hängen Bilder aller Vierbeiner an der Wand, die seit ihrer Jugend an ihrer Seite waren – auch wenn sie diese nicht sehen kann. Ein autistischer Junge beschreibt, woran sein Hund erkennt, ob es ihm schlecht geht. Die Frau eines traumatisierten Kriegsveteranen vermutet, dass sie sich ohne Hilfe des Blindenhunds Mister längst getrennt hätte. Das Porträt einer einzigartigen Beziehung.

Donnerstag, 9. Mai, 19.00 Uhr, Filmmuseum

 

METAL AND MELANCHOLY

Niederlande 1993, 80 Min., OmeU

Wie lässt sich eine Stadt erfahren? In der Millionen-Metropole Lima steigt die Regisseurin in eines der vielen Taxis, die hier an jeder Straßenecke auf Kundschaft warten. Wer ein Auto hat – und sei es noch so verbeult –, bietet seine Dienste an in der Hoffnung, so der Armut zu entkommen. In METAL AND MELANCHOLY kehrt die gebürtige Peruanerin Heddy Honigmann nach langer Abwesenheit in ihre Heimat zurück und nimmt das Publikum mit auf ein bewegendes Roadmovie durch ein von der Wirtschaftskrise gezeichnetes Land. Der Traum von der Freiheit – diese Helden des Asphalts haben ihn sich bewahrt, allen Realitäten zum Trotz. Anne Thomé

Freitag, 10. Mai, 19.00 Uhr, Filmmuseum

 

THE UNDERGROUND ORCHESTRA

Niederlande, Frankreich 1997, 108 Min., OmeU

Ein Sänger aus Mali, ein Pianist aus Argentinien, zwei Violinisten aus Rumänien: Vater und Sohn. Sie alle sind aus menschenverachtenden Verhältnissen nach Paris geflohen und versuchen, sich hier mit ihrer Musik eine karge Existenz zu sichern. Heddy Honigmann folgt ihnen durch die Gänge der Pariser Metro, in ihre kargen Mansardenwohnungen oder horrend überteuerten Absteigen. Die Musik ist für die Protagonisten nicht nur eine Erinnerung an die verlorene Heimat, sondern auch ein schillernder Funke der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Eine Hymne an die menschliche Widerstandskraft. Jan Sebening

Samstag, 11. Mai, 18.00 Uhr, Filmmuseum

 

FOREVER

Niederlande 2006, 95 Min., OmeU

Zwischen Toten und Lebenden besteht ein unzerreißbares Band: Die Erinnerung. Der Friedhof Père-Lachaise in Paris ist ein Ort, an dem Menschen Trost und Ruhe finden, an ihre Angehörigen, Freunde und Geliebten zurückdenken oder bewunderten Künstlern Tribut zollen. FOREVER macht sich den Blick seiner Besucher und Angestellten auf die stille Magie dieses Friedhofs zu Eigen. Sie erzählen uns über die Bedeutung der Toten und der Kunst in ihrem Leben, teilen ihre Trauer und ihre Bewunderung mit uns. „Es ist erstaunlich, wie ein Film über einen Friedhof zu einer Feier des Lebens wird – doch es ist genau das, worum es bei einem klugen Film geht: den Glauben daran, dass Kultur und Kunst der Antriebsmotor menschlichen Daseins sind.“ Ramiro Cristóbal, FIPRESCI Samay Claro

Sonntag, 12. Mai, 11.00 Uhr, Filmmuseum

 

CRAZY

Niederlande 1999, 97 Min., OmeU

Wie soll man weiterleben, wenn man einen Blick in die Hölle geworfen hat? Die niederländischen UN-Soldaten, die in verschiedenen Konfliktgebieten auf der ganzen Welt im Einsatz waren, kämpfen bis heute mit ihren Erinnerungen. Schlüssel zur Vergangenheit ist für viele die Musik, die sie an der Front gehört haben. Ob Giovanni Battista Pergolesis „Stabat Mater“ oder Songs von der Band Guns N’ Roses – die vertrauten Klänge helfen dabei, dem Erlebten ins Auge zu sehen und die Angst zu überwinden. Ein Film über den Wahnsinn des Krieges und die Musik als Überlebensmittel.

Sonntag, 12. Mai, 18.00 Uhr, Filmmuseum

 

OBLIVION

Niederlande, Deutschland 2008, 92 Min., OmeU

Die Einwohner von Lima haben Jahrzehnte der Wirtschaftskrise, des Terrorismus und der Regierungsgewalt überlebt: Peru ist ein zerrissenes Land. OBLIVION begleitet Menschen aus dem Heer von Straßenmusikern, Sängern, Verkäufern und Schuhputzern, die verzweifelt versuchen, über die Runden zu kommen. Manche dieser Überlebenskünstler gehen den ungewöhnlichsten Tätigkeiten nach: Hersteller von Präsidentenschärpen sind unter ihnen, Lederwarenreparaturarbeiter und Froschsaftverkäufer. Wir treffen Barkeeper und Kellner, Angestellte in den besten Restaurants und Hotels der Stadt, die jeden Morgen aus den Slums ins Zentrum strömen. OBLIVION zeigt den täglichen Kampf der „kleinen Leute“ ums Überleben – und ihren Widerstand gegen das Vergessenwerden. Anne Thomé

Montag, 13. Mai, 19.00 Uhr, Filmmuseum