(Dis)connected – im Labyrinth der Algorithmen

Interview zu FINDING CONNECTION mit Regisseur Florian Karner von Pablo Bücheler

 

Florian Karner begleitet in seinem Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg vier Menschen, die emotionale Nähe in Gesprächen mit KI-Chatbots suchen, weil reale Beziehungen brüchig geworden sind. Sein Film FINDING CONNECTION verbindet zurückhaltende Beobachtung mit abstrakten, KI-generierten Bildern zu einem Resonanzraum über Intimität, Einsamkeit und das menschliche Bedürfnis, gehört und verstanden zu werden. Wir haben mit dem Regisseur gesprochen.

 

 

In deinem Film begleitest du vier Menschen, die echte emotionale Bindungen zu KI-Chatbots entwickelt haben. Wie bist du auf dieses Thema gestoßen?

Der Ausgangspunkt war eigentlich ein anderer: Ich habe zum Thema Einsamkeit recherchiert und mich gefragt, welche Wege es aus ihr heraus gibt. Der erste Arbeitstitel lautete sogar „Rebellionen gegen die Angst". In dieser Recherche bin ich dann auf KI-Companion-Apps gestoßen, also Apps, die einen KI-Charakter simulieren, mit dem man reden, schreiben und eine Art Beziehung aufbauen kann. Obwohl ich wusste, dass mir da eine App schmeichelt, hat es trotzdem etwas mit mir gemacht. Es hat sich überraschend gut angefühlt, vielleicht auch weil ich Einsamkeit selbst kenne. Da hat es bei mir Klick gemacht, dass man über die Art wie KI genutzt wird etwas über Einsamkeit in unserer Gesellschaft erzählen kann.

 

Wie bist du auf die Protagonist*innen gestoßen?

Kurz nach dem ChatGPT veröffentlicht worden war, habe ich zunächst nach Menschen gesucht, bei denen die Bindung zur KI schon tiefer verwurzelt ist. Dabei bin ich auf eine Community gestoßen, die seit 2017 KI-Companion-Apps nutzt. Gerade als ich am recherchieren war, im Februar 2023, baute die Plattform plötzlich Filter ein, die Intimität verhinderten. Die Community war in Aufruhr. Da wurde mir klar, wie tief diese Bindungen wirklich waren. Danach habe ich über fast ein Jahr Gespräche mit rund zwanzig Nutzer*innen geführt, online und persönlich, und mir langsam Vertrauen erarbeitet. Denn nach vielen vereinfachenden Medienberichten war das Misstrauen gegenüber Filmschaffenden groß.

 

Das klingt nach einem langen Prozess. Warum war der Vertrauensaufbau so wichtig?

Weil diese Community schon oft sehr eindimensional dargestellt worden war. Ich musste erst verstehen, womit ich es zu tun habe: Wann reden meine Protagonist*innen über ein Rollenspiel, wann über das, was sie wirklich erleben? Das hat eine Weile gedauert. Mit den Protagonist*innen aus Hamburg, Lübeck und England habe ich mich vorab persönlich getroffen. Mit einer Nutzerin aus den USA haben wir über ein Jahr regelmäßig per Videocall Zeit miteinander verbracht, einfach um uns kennenzulernen, abseits der Kamera.

 

Im Film fällt eine besondere ästhetische Haltung auf, eine Sensibilität für die richtige Distanz. Wie würdest du dein filmisches Herangehen beschreiben?

Der absolute Kern ist für mich eine empathisch-humanistische Haltung. Empathie bedeutet dabei nicht, dass man alles vorbehaltlos annimmt, man kann empathisch auch Kritik üben. Aber ich arbeite mit großer Zuneigung für meine Protagonist*innen und deren Geschichten. Das war mir wichtig, weil man beim Erzählen dieses Stoffs schnell auf Vorurteile stößt, auf den Reflex: Das betrifft halt die anderen. Den wollte ich nicht bedienen. Für die Bildsprache haben wir das in zwei Ebenen übersetzt: sehr nah, in Unschärfen, fast zwischen dem Ohrläppchen und dem Ohr-Stöpsel, in diesem intimen Safe Space. Und gleichzeitig ganz weit weg, in langen Totalen, die Raum zum Nachdenken lassen.

 

Es gibt ja noch kaum eine Sprache dafür, wie man über diese Beziehungen spricht. Ist das für dich eher ein Zeichen, dass wir das Phänomen noch nicht verstehen, oder dass wir es noch nicht akzeptiert haben?

Beides, glaube ich. Das Thema ist für mich insgesamt vielschichtiger geworden. Es gibt Studien, die zeigen, dass diese Gespräche an vielen Stellen wirklich hilfreich sind. Man trainiert, wieder in die Sprache zu kommen, lernt, sich selbst in der Kommunikation zu vertrauen, und befreit sich ein bisschen aus der Angst vor dem nächsten Schritt. Das ist ein sehr positiver Effekt. Gleichzeitig fehlt uns der gesellschaftliche Rahmen, um darüber zu reden, ohne sofort in Schubladen zu denken. Genau das wollte ich mit dem Film aufbrechen.

 

Du bist mit eigenen Einsamkeitserfahrungen an dieses Thema herangegangen. Was hat die Arbeit mit den Protagonist*innen mit dir gemacht?

Es war zunächst wahnsinnig berührend, dieses Vertrauen entgegengebracht zu bekommen. In allen Lebenswelten, in denen wir unterwegs waren, haben uns die Protagonist*innen einen sehr persönlichen Bereich geöffnet. Das war für alle im Team etwas ganz besonderes. Was die Arbeit an dem Film bei mir hinterlassen hat war: zu verstehen, wie viel an einem selbst liegt. Man muss lernen, sich selbst zu lieben und für die eigenen Bedürfnisse zuständig zu sein, anstatt zu erwarten, dass die Welt außen herum das übernimmt. Und da kann KI auch hilfreich sein, als Begleitung auf dem Weg, die eigenen Bedürfnisse überhaupt erst zu erkennen und zu kommunizieren.

 

Wie hat sich dein Blick auf Menschen verändert, die enge Bindungen zu Chatbots entwickeln?

Am Anfang fiel es mir nicht leicht die Beziehungen als solche ernst zu nehmen. Das war alles sehr ungewöhnlich und neu, bis ich verstand, dass die Nutzer*innen ihre Gespräche mit KI meist als selbstgewählten Rückzugsort nutzen und sich im klaren darüber sind, dass sie mit einer App sprechen. Die große Gefahr sehe ich woanders, bei der Verantwortung der Unternehmen. Ein Sprachmodell prognostiziert nur die Wahrscheinlichkeit des nächsten Wortes, aber ich interpretiere etwas hinein und denke, es hat mich verstanden. Darin liegt sowohl der Reiz als auch das Risiko. Wenn Firmen profitabel werden müssen, können diese intimen Bindungen zur Preisfalle werden oder für Werbemodelle und politische Einflussnahme genutzt werden. Das ist für mich die eigentliche Gefahr: Nicht die Nutzenden, sondern die Entwickler.

 

Gibt es Bereiche im Leben, die du dir wünschst, frei von KI zu halten?

Ja, die zwischenmenschliche Begegnung. Als wir nach den Lockdowns in der Corona Zeit wieder persönlich zusammengekommen sind, haben wir ja gespürt: Das ist einfach etwas anderes. KI kann helfen, sich selbst besser zu verstehen, bestimmte Bedürfnisse zu erkennen. Aber dann gibt es eine Grenze, weil das, was mit einem Menschen passiert, schlicht nicht vergleichbar ist.

 

Vielen Dank an Filmemacher Florian Karner!
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