Moritz Holfelders Brief an Georg Stefan Troller

Filmjournalist Moritz Holfelder erinnert sich lebhaft an seine erste Begegnung mit Georg Stefan Troller in dessen Pariser Wohnung.

 

 

Lieber Georg Stefan Troller,

ich erinnere mich. Ich erinnere mich an den Besuch bei Ihnen in Paris. Siebtes Arrondissement. Ein elegantes Haus, die Wohnung im obersten Stock. Weite Blicke. Sie trugen einen Hausmantel, an den Füßen seltsam groß erscheinende Pantoffeln. Unter dem Hausrock Hemd und Hose. Die schütteren Haare eigenwillig nach links gekämmt. Mit dem Öffnen der Tür kam sofort die Frage: „Haben Sie sich denn informiert, ob ich gaga bin oder nicht?“

Lieber Georg, ich habe Sie nie als gaga empfunden – naja, vielleicht doch, zumindest ein bisschen. Wie kamen Sie darauf, das anzusprechen? In der Frage kokett eine mögliche Wahrheit über sich selbst formulierend? Waren Sie nun gaga?

Ich rekapituliere: Sie erlitten das Leben und lernten trotzdem, es auszukosten. Sie erlebten Angst und später Freude. Um das auszuhalten, muss man vielleicht gaga werden. Geboren 1921 als Wiener Jude, Sohn eines Pelzhändler-Ehepaars. Als junger Mann flohen Sie ab 1938 über Frankreich in die USA, und kehrten als GI und Befreier des Konzentrationslagers Dachau 1945 zurück. Ein Jahrhundertmensch mit Sinn fürs savoir vivre – ein schonungsloser politischer Analyst und zugleich ein Lebenskünstler. Sie ließen sich mit Playboy-Bunnys fotografieren und machten Filme über Karl Kraus oder algerische Migranten. Als charismatischer Fernsehjournalist in Paris brachten Sie den Deutschen Frankreich nahe und verkehrten mit Stars wie Romy Schneider oder Woody Allen.

Lieber Georg, Sie haben mir imponiert. Ebenso wie Sie Ihre gute Freundin Alice Schwarzer beeindruckt haben. Regelmäßig kam sie zu Ihren Geburtstagen, zuletzt zum 103., im Jahr bevor sie starben. Als Sie die 100 voll machten, überreichte Alice Ihnen die von der Zeitschrift EMMA vergebene saure Zitrone, einen Negativpreis für sexistischen Journalismus. Sie hätten ihn verdient gehabt, schrieb die Feministin im Nachruf auf Sie – auf Ihren geliebten, charmanten Freund. Und: Sie hätten beim Dessert noch darüber gelacht. Ja, Sie waren wohl gaga – auf die schönste Art und Weise, die man sich vorstellen kann.

 

In Anwesenheit von Moritz Holfelder erinnert ein Film-Screening im Rahmen der Reihe „Personal Memoriams – Blicke auf große Filmemacher" beim 41. DOK.fest München an Georg Stefan Troller. Am 17. Mai 2026 um 11.00 Uhr zeigen wir BEGEGNUNG IM KNAST im Literaturhaus.

DOK.fest München 2017: Lesung, Talk & Film mit Georg Stefan Troller