Ein Nachruf von Julia von Heinz auf Rosa von Praunheim
Für Regisseurin Julia von Heinz war Rosa von Praunheim über viele Jahre ein enger Weggefährte und Mentor. In ihrem Film MEINE VÄTER nähert sie sich dieser Beziehung, die sie menschlich wie künstlerisch tief geprägt hat.
Lieber Rosa,
deine Verdienste als Künstler, Aktivist, Ikone der Schwulenbewegung, Provokateur, Professor und Held des Independent-Kinos sind gigantisch und es wäre mir eine Freude, diese aufzuzählen und davon zu berichten. Du hast dafür vor zwei Jahren das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen und deshalb möchte ich diesen Moment nutzen, um über andere Verdienste zu sprechen, die auf einer weniger öffentlichen, sondern auf einer persönlicheren Ebene stattfinden, aber auf viele Menschen eine große Wirkung gehabt haben.
Du bist eine Kraftquelle, ein Jungbrunnen der deutschen Filmszene seit vielen Jahrzehnten und das bist Du durch Deine Beziehungen und durch unzählige Begegnungen, die du intensiv suchst, denn Du bringst Menschen ein großes und wahrhaftiges Interesse entgegen, eines das die meisten Menschen maximal für sich selbst haben.
Fünf Rosakinder haben darüber einen Film gemacht, was es bedeuten kann, dir zu begegnen.
Ich bin eines deiner Kinder und Du hast einen enormen Einfluss auf mich gehabt, ich wäre heute nicht derselbe Mensch, ohne dass ich dich vor 12 Jahren getroffen hätte.
Was ist es, was Du den Menschen mitgibst, mit welchem Einfluss du so stark in ihr Leben eingreifst?
Ich habe Fünf Lektionen aufgeschrieben, die ich von Dir gelernt habe und die auch für andere Menschen wichtig waren:
1. Machen machen machen
Fast täglich begegnen Dir Menschen, die Schauspieler, Regisseure, Filmemacher sein möchten, aber es gelingt ihnen nicht.
Dafür hast Du kein Verständnis. Da wirst Du streng und manchmal wütend: Wer ein Filmemacher sein möchte, soll Filme machen, gleich heute den ersten. Hier ist die Handykamera und das Schnittprogramm, worauf wartest du noch? Die Themen sind da: jeder Mensch, jede Straßenecke und vorallem jeder Mensch selbst mit seinen Ängsten, Abgründen und Sehnsüchten sind Protagonisten eines Kurzfilmes, der schon diese Woche fertig gestellt werden kann. Auf was wartest Du?
2. Hilf anderen
Sobald der Film gedreht, das Drehbuch geschrieben, das Bild gemalt ist, bist Du Rosa, bereit, es dir anzuschauen und in die Auseinandersetzung zu gehen. Wieviel Zeit Du Menschen schenkst, um ihre Werke zu lesen oder anzuschauen, niemals habe ich von Dir gehört, dass Du es nicht schaffst. Du hilfst anderen auch mit deinen Kontakten aus: egal, ob man nach New York fliegen möchte, eine lesbische Serie in den 20er-Jahren plant oder ein Theaterstück geschrieben hat: Du zückst Dein Notizbuch und diktierst einem eine Liste von Telefonnummern und Namen, die man kontaktieren soll bzw. muss!
Menschen, die anderen nicht helfen, isolieren sich, das habe ich von dir gelernt. Jede Zeit, die man einem anderen schenkt, kommt wieder zu einem selbst zurück.
3. Zauberei existiert
Wenn alles nichts nützt, weder das Machen, noch Deine Kontakte, dann muss man es mit Zauberei versuchen. Glaub mir, ich war damals die letzte, die für solche Gedanken empfänglich war. Alles was unwissenschaftlich oder übersinnlich war, habe ich abgelehnt. Aber irgendwann war ich doch verzweifelt genug, als es mit meinem Debütfilm beim WDR nicht weiterging, um dir hier zu folgen: Du schriebst mir: „Hänge ein Foto von vom Fernsehspielchef an einen Baum im Wald, leg dir eine Tomate auf den Kopf, setz dich vor den Baum und schließe die Augen. Und dann stellst Du dir vor, wie du in sein Büro gehst und von ihm eine Zusage bekommst“
Die Zusage kam am nächsten Tag.
Axel Ranisch kann ähnliche Geschichten erzählen.
Wie das funktioniert, kann ich mir bis heute nicht erklären, aber ich habe beschlossen, es niemals in Frage zu stellen.
4. Unglück ist wichtiger als Glück
Unser Beruf besteht zu 80% aus Absagen, Warten, Vergleichen mit anderen Kollegen, künstlerischem Versagen und Unsicherheit. Nimm es an. Diese Unglücksphasen sind viel wichtiger, als die wenigen Momente des Erfolges und des Glücks. Genieße es, sagst Du regelmäßig, wenn ich Dich gequält anrufe. Nichts ist schlimmer als Erfolg. Erfolg macht nicht produktiv, er führt nur dazu, dass man noch mehr Erfolg haben möchte.
Genieße dein Unglück, feier den Konflikt, schreib alles auf, führe ein Videotagebuch.
5. Liebe, egal ob man dich zurückliebt
Das ist die wichtigste Lektion, die ich von Dir gelernt habe. Wenn Du jemanden in dein Herz geschlossen hast, wirst du ihn lieben, egal, was er dir gegenüber fühlt.
Du hast viele Menschen verloren im Laufe deines Lebens, auch auf schmerzhafte Weise: weil du ihnen zu stark warst, weil sie sich klein gefühlt haben neben dir, weil ihr einen Streit hattet. Du hast für dich entschieden, jeden von ihnen weiter zu lieben. Diese Liebe, für die man sich selbst entscheidet, die einem keiner wegnehmen kann, macht einen unverwundbar.
Sei aber versichert, lieber Rosa, dass hier ein Saal voller Menschen ist, die dich lieben. Die verehren, wofür du stehst.
Die einen Menschen feiern wollen, der sich niemals einordnen lässt. Hunderte von Filmemachern sind in den vergangenen Dekaden an dir vorbeigezogen ins Establishment, aber du hast dich nie mitnehmen lassen und bist deshalb immer jung und unkonventionell geblieben.
In Erinnerung an Rosa von Praunheim zeigen wir in unserer Reihe „Personal Memoriams – Blicke auf große Filmemacher" Praunheims Dokumentarfilme MEINE VÄTER und MEINE MÜTTER. Julia von Heinz wird beim Film-Screening am 17. Mai 2026 um 18.00 Uhr im Audimax der HFF anwesend sein.


