Streaming-Giganten in der Pflicht: Reinvestitionen in die deutsche Filmbranche

Ein Interview mit Martin Hagemann von Pablo Bücheler

Die Bundesregierung hat eine Investitionsverpflichtung für Streamingdienste angekündigt – ein Vorhaben, das die deutsche Filmbranche seit Jahren fordert. Was es bedeutet, was es leisten kann und wo die eigentlichen Herausforderungen für den Dokumentarfilm liegen, erklärt Martin Hagemann, Filmproduzent, Geschäftsführer der zero fiction film und Professor an der Filmuni Babelsberg. Er produzierte international ausgezeichnete Spiel- und Dokumentarfilme. Als Vorstandsmitglied der AG DOK prägt er filmpolitische Debatten der Branche maßgeblich mit.

 

 

Die Bundesregierung hat eine Investitionsverpflichtung fur Streamingdienste angekundigt. Konkrete gesetzliche Regelungen liegen bislang nicht vor. Wie wird diese Ankündigung in der Branche wahrgenommen – eher als strukturelle Stärkung des Produktionsstandorts Deutschland oder zunächst als politisches Symbol?

Wir sehen darin auf jeden Fall eine Stärkung des Produktionsstandorts Deutschland. Sonst hätten wir ja auch nicht die ganze Zeit für ein Investitionsverpflichtungsgesetz gekämpft und uns gegen die ursprünglich favorisierte freiwillige Übereinkunft mit Streamern und Fernsehanstalten gewendet.
Entscheidend ist jetzt, wie das Gesetz konkret ausgestaltet wird: Welche Kosten können angerechnet werden, mit welchen Umsätzen wird gerechnet, wie wird die sogenannte Indie-Quote geregelt, und wie schnell fallen Rechte an die Produktionsfirmen zurück? Festgelegt ist bislang eine Verpflichtung von acht Prozent der Abo-Umsätze – mit der Möglichkeit, mehr zu investieren und dafür bestimmte Auflagen zu lockern. Da jedes Unternehmen ein eigenes Geschäftsmodell hat, muss vieles einzeln verhandelt werden. Geplant ist, dass das Gesetz nach EU-Notifizierung Anfang 2027 in Kraft tritt.

 

Welche Hoffnungen oder auch Skepsis beobachten Sie speziell im Dokumentarfilmbereich?

Man muss hier klar unterscheiden zwischen der bereits umgesetzten Reform der Filmförderung und der noch geplanten Investitionsverpflichtung. Die Änderungen im FFG und in den Förderstrukturen der FFA sind Anfang 2025 in Kraft getreten und haben dem dokumentarischen Kinofilm bereits konkret geholfen. Die Investitionsverpflichtung wird dagegen eher größeren Firmen und stärker marktorientierten Formaten zugutekommen. Denn wir können Plattformen zwar zu Investitionen verpflichten, aber nicht dazu, bestimmte Inhalte zu produzieren. Wenn sie weiterhin vor allem serielle dokumentarische Formate oder True-Crime-Stoffe entwickeln, wird sich das auch künftig in ihren Investitionsentscheidungen widerspiegeln. In der Branche ist die Stimmung deshalb unterschiedlich. Einige Produktionsfirmen erwarten zusätzliche Aufträge. Andere, die stärker im Bereich kleinerer Kino-Dokumentarfilme arbeiten, sehen ihre Situation eher durch die bereits umgesetzten Förderreformen verbessert als durch das neue Gesetz.

 

Das Investitionsgesetz wird voraussichtlich auch die Position der Streamingdienste im Ökosystem stärken. Welche Auswirkungen hat das auf das Zusammenspiel von Kino, Festivals und Onlineauswertung?

Der Markt hat sich seit Corona massiv verändert. Die Streamer sind groß geworden, die öffentlich-rechtlichen Sender haben sich schon seit Jahren vom langen Dokumentarfilm zurückgezogen. Viele Projekte sind deshalb ins Kinofördersystem gewandert – die Antragszahlen für dokumentarische Kinoprojekte sind in den letzten fünfzehn Jahren exponentiell gestiegen. Das Problem: Nicht all diese Filme sind wirklich fürs Kino gemacht. In diesem neuen Umfeld braucht das Kino eine Konzentration auf das, was dort wirklich funktioniert – weniger Filme, aber solche, die fürs Kino gedacht und geeignet sind. Das bedeutet auch, dass wir Kinofilme künftig stärker mit Kinomitteln finanzieren müssen – ohne Fernsehen, ohne Streamer von Anfang an. Sender wollen verständlicherweise nicht eineinhalb Jahre warten, bis sie einen Film zeigen können. Dieser Widerspruch lässt sich nicht mehr auflösen. Besser wäre es, einen Film zunächst rein mit Kinomitteln zu finanzieren und ihn dann, wenn er erfolgreich ist, an Fernsehen oder Streamer zu verkaufen, statt von vornherein in eine Koproduktion zu gehen, die Ärger wegen Lieferfristen und Sperrfristen bringt.

 

Welche Rolle spielen Festivals in diesem veränderten Umfeld – und könnte diese Rolle künftig wichtiger werden?

Ich glaube, dass Festivals eher an Bedeutung gewinnen werden. Sie sind wichtige Orientierungsorte für das Publikum und zunehmend selbst relevante Kino-Abspielorte. Für Produzent* innen und Verleiher stellt sich heute viel stärker die strategische Frage: Festival-Premiere oder direkt ins Kino? Gleichzeitig halte ich es für sinnvoll, wenn Festivals auch Filme zeigen, die bereits einen Kinostart hatten. Die Auswertungszeit im Kino ist oft kurz, viele entdecken Filme erst später. Strukturell haben wir die Rolle der Festivals in der Reform bereits gestärkt: Ein Film muss nicht mehr zwingend 25.000 Zuschauer*innen im Kino nachweisen, um Referenzförderung zu erhalten. Es reicht, wenn er etwa im internationalen Wettbewerb des DOK.fest München gelaufen ist. Damit haben wir Festivals erstmals explizit als Gatekeeper für künstlerische Qualität anerkannt. Was ich mir darüber hinaus wünsche: mehr Transparenz. Jurys und Kurator*innen treffen heute Entscheidungen mit erheblicher struktureller Wirkung – das sollte nicht hinter verschlossenen Türen bleiben. Es braucht keine Einzelbegründung für jeden Film, aber eine offene Auseinandersetzung damit, warum ein Jahrgang in eine bestimmte Richtung gegangen ist. Sich damit angreifbar zu machen – das wäre ein echter Fortschritt.