ABDO: Interview mit Regisseur Jakob Gross

Im postrevolutionären Kairo herrschen immer noch chaotische Zustände. Mittendrin der junge Abdo – selbst Revolutionär und Fußball-Ultra. Unter denkbar schwierigen Umständen versucht er, sich selbst und seinen Platz in einer Gesellschaft im Umbruch zu finden. Wir haben den Münchner Regisseur Jakob Gross zu seinem Film ABDO interviewt...

„Revolutionär zu sein ist nicht nur politisch motiviert, sondern auch Teil einer Jugendkultur“

Bei Dokumentarfilmen ist es meistens sehr interessant, wie der Filmemacher zu seinem Thema kommt. Wie kam es dazu, dass du einen Film über einen Jugendlichen in Kairo gedreht hast? Wie entstanden der Kontakt und die Idee?

Meine eigentliche Intention war eine sehr pragmatische: Ich war ein dreiviertel Jahr nach der Revolution in Kairo und der Dokumentarfilmmarkt war bezüglich Revolutionsthemen schon sehr gesättigt. Fußball und Revolution, dass klang für mich nach einem Projekt, das auf dem Markt einen Abnehmer finden wird. Dabei habe ich von Fußball gar keine Ahnung. Ich musste mich bei den Ultras immer etwas durchmogeln, wenn Sie mir alle Spieler des FC Bayern aufzählten und ich gerade mal einen Namen kannte. Abdo war anfänglich mein Zugang zur Ultra-Szene, er nahm mich mit auf die Spiele. Erst mitten in den Dreharbeiten habe ich gemerkt, wie sehr mich dieser Mensch fasziniert und habe thematisch auf Ihn umgeschwenkt.

Kannst du ein bisschen von den Dreharbeiten erzählen, gab es irgendwelche besonderen Ereignisse oder Probleme?

Gleich das erste Fußballspiel, auf das mich Abdo mitgenommen hat, ist eskaliert. Die Ultras haben sich gegenseitig bekämpft und ich war mittendrin. Das war kein angenehmes Gefühl, besonders wenn man die Sprache nicht spricht. Ähnliche Eskalationen gab es natürlich auch auf dem Tahrir Platz. Einmal wurde ich von Polizisten in Zivil aufgehalten, ein anderes Mal hat mich ein Mob von Demonstranten verfolgt, da ich für einen Spion gehalten wurde. Paranoia war allgegenwärtig und Dreharbeiten während einer Revolution sind allgemein nicht sehr angenehm. Auch war mit Abdo ziemlich wenig planbar. Er hat schon einen sehr eigenwilligen Kopf. Die Methode des direct cinema hat sich daher auch aus der Not heraus ergeben.

Das Leben des jungen Mannes wird bestimmt von politischen Umwälzungen in seinem Land und seiner Hingabe zum Ultra-Sein. Beides hat durchaus mit Gewalt zu tun. Kann man sich in Ägypten der Politik überhaupt entziehen und wie muss man sich das allgemeine Verhältnis zu gewalttätigen Auseinandersetzungen vorstellen?

Abdos Motivation auf die Straße zu gehen ist vielfältig. Revolutionär zu sein ist nicht nur politisch motiviert, sondern auch Teil einer Jugendkultur, es imponiert z.B. den Mädchen. Das finde ich auch gar nicht verwerflich, sondern höchst menschlich. Aber genauso gibt es auch (junge) Menschen, denen die Revolution egal ist. Diese Menschen werden nur selten medial repräsentiert, da sie unserem eigenen Narrativ von Revolution nicht entsprechen.

Der Film feiert beim DOK.fest in München seine Premiere. Gibt es Pläne, den Film auch in Ägypten, also dem Land, in dem er spielt, zu zeigen? Und bist du mit Abdo in Kontakt, gibt es Pläne ihn auch mal zu einer Vorführung einzuladen?

Eine Veröffentlichung in Ägypten wird es leider nicht geben, da der Film Szenen von Abdo enthält, die ihm dort durchaus Probleme bereiten könnten. Die Verbreitung eines Filmes kann man in der heutigen Zeit natürlich nicht mehr kontrollieren. Aber zumindest wird das Risiko eingegrenzt, dass es in die falschen Hände gerät. Dies ist aber auch sehr schade, da ich gerade von Ägyptern sehr gutes Feedback auf den Film erhalten habe. Mit Abdo bin ich in Kontakt, er würde sehr gerne in der Zukunft zu einer Vorführung kommen.

Abdo dokumentiert zusätzlich zu deiner Kamera sein Leben auch konstant selbst. Kann man das stellvertretend sehen für eine neue Generation, für die der Umgang mit Technik und die damit verbundene Selbstdarstellung vollkommen normal ist? Und was ist deine Meinung als Dokumentarfilmer dazu, ist dein Beruf bald überflüssig?

Jeder produziert heutzutage „Bilder“. Abdo hat die Kamera für sich als spielerisches Ausdrucksmittel entdeckt. Gerade das fand ich besonders spannend und es hat einen großen Stellenwert im Film. Dieses Material alleine macht aber natürlich noch keinen Dokumentarfilm aus.

Interview: Philipp Großmann


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