Filmkritik: BONNE NUIT PAPA

BONNE NUIT PAPA ist ein Film über Versöhnung, Abschied und Verbundensein. Er dokumentiert Marina Kems Suche nach der Geschichte ihres Vaters, der aus Kambodscha stammt. Zum Kinostart eine Besprechung von Philipp Großmann...

Ottara Kem steht auf seinem Balkon in Dresden und blickt, eine Zigarette rauchend, hinaus auf das Land, in dem er den Großteil seines Lebens verbracht hat und das ihm doch nie ganz Heimat wurde. Dieses Bild aus dem Film BONNE NUIT PAPA von Marina Kem behält man im Kopf. Es steht für die bewegte und oft bedrückende Biografie der Hauptperson. Aber der Film setzt sich mit mehr als nur einem einzelnen Schicksal auseinander. Die Filmemacherin hat ein komplexes Werk geschaffen, das sich, basierend auf der Geschichte ihrer Familie, auf unterschiedlichen Ebenen mit Identität, Familie und Heimat befasst.

Der Ausgangspunkt ist der Vater und dessen Geschichte. Ottara Kem, Sohn eines Schuldirektors, stammt aus Kambodscha. Als überdurchschnittlich begabter Schüler wird er zum Stolz der Familie. Sein schulischer Erfolg führt dazu, dass er ein Stipendium als Ingenieur in der fernen DDR angeboten bekommt. Als er in das fremde Land aufbricht geht er noch fest davon aus nach seinem Studium zurückzukehren.

Jedoch erobern die Roten Khmer 1975 nach langen Kämpfen die Hauptstadt Phnom Penh. Unter ihrer Schreckensherrschaft werden Millionen ermordet und gefoltert und in Ottaras Heimat beginnt eine Zeit des Terrors. Die Verwandten raten ihm eindringlich, nicht nach Kambodscha zurückzukehren. Zur selben Zeit wird in der DDR seine deutsche Freundin schwanger und sein Lebensentwurf löst sich endgültig in Luft auf. Er kann nicht zurück in sein Heimatland und trägt nun außerdem die Verantwortung für ein neues Leben.

Er versucht sich damit zu arrangieren, heiratet und das Ehepaar bekommt zwei weitere Töchter. Aber unter der Oberfläche gibt es Probleme. Ottara zieht sich immer mehr zurück, spricht kaum noch und die Ehe geht zu Bruch. Auch zu seinen Kindern hat er kein sehr inniges Verhältnis. Nach der Wende verliert er seine Arbeit und verbringt daraufhin seine Tage allein in einer Mietswohnung in Dresden.

Seine Tochter Marina will das Schweigen des Vaters verstehen, sich ihm annähern. Sie zeichnet anhand von alten Aufnahmen und in Gesprächen mit Ex-Frau, Geschwistern und anderen Weggefährten das Leben des Vaters nach. Sie reist nach Kambodscha und befragt Verwandte nach seiner frühen Jugend. Nach und nach entsteht ein sensibel recherchiertes Bild des Vaters, dessen Wesen sie zu seinen Lebzeiten nie richtig verstanden hat.

Auf ihrer Entdeckungsreise durch die Geschichte stößt die Filmemacherin nicht nur auf die biografischen Hintergründe des Vaters. Sie wirft einen intensiven Blick auf die erschütternde Geschichte Kambodschas und es wird offensichtlich, welch tiefgehende Narben die schrecklichen Geschehnisse bei der Bevölkerung hinterlassen haben. Dieser Teil des Films wird durch Originalaufnahmen und Fotos, alte Zeitungsausschnitte und die ergreifenden Aussagen der Verwandten zu einem bewegenden Zeugnis menschlicher Abgründe.

Marina Kem ist es gelungen, die Geschichte des eigenen Vaters in sehr poetischer und reflektierter Art zu erzählen und der Film gibt Anlass, sich mit den Themen Herkunft, Erinnerung und Zugehörigkeit auseinanderzusetzen.

Philipp Großmann

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