5 Fragen an: die Regisseure von STRIPLIFE

Die Menschen im Gaza-Streifen müssen sich jeden Tag mit Extremsituationen und erheblichen Einschränkungen auseinandersetzen. Der Film zeigt, dass ihr Leben aus weit mehr besteht und gibt Einblick in ihre Alltagswelt. Wir trafen uns mit Nicola Grignani und Valeria Testagrossa zum Interview.

STRIPLIFE läuft beim DOK.fest am Sonntag, den 11.05. um 16.00 Uhr im Rio 2.


Könnt ihr uns etwas über die Entstehung des Films erzählen? Wie ist die Idee entstanden, einen Film über den Gaza-Streifen zu machen?
 

Um diese Frage zu beantworten, muss man ein bisschen zurückblicken. Wir sind Teil eines Kollektivs, das sich Teleimmagini nennt. Diese Gruppe ist seit 2005 aktiv, Nicola ist eines der Gründungsmitglieder. Sie entstand im Kontext der Proteste gegen Globalisierung, die G8 und den Irak-Krieg, also aus einem aktiven politischen Umfeld. Wir begannen, die Proteste zu dokumentieren, Filmaufnahmen zu machen, um so für mehr Sichtbarkeit zu sorgen. Während dieser Zeit begannen wir auch, eine eigene filmische Sprache zu entwickeln. Ich würde unsere Gruppe zu dieser Zeit als politische Underground-Filmer-Bewegung bezeichnen.

Gleichzeitig kamen wir durch unsere politischen Aktivitäten mit palästinensischen Aktivisten in Kontakt. Ein Teil unserer Gruppe war auch in der Westbank aktiv. 2011 starb Vittorio Arrigoni, ein sehr wichtiger Aktivist. Nach seinem Tod reisten wir in den Gaza-Streifen, um uns zu solidarisieren und die Palästinenser in ihrem Kampf zu unterstützen. Dort kamen wir dann mit jungen Künstlern und Filmemachern in Kontakt. Dabei wuchs unser Wunsch, dort einen Film zu drehen. Der Ansatz war es, einen Gaza-Streifen zu zeigen, der aus der allgemeinen medialen Besetzung ausbricht und eben nicht nur die typischen Bilder von Bombardierungen und bewaffneten Kämpfen wiederholt. Die ersten Mitglieder unserer Gruppe begannen mit dem Scouting und stellten Kontakte her. Ein anderer Teil von uns begann am Screenplay zu arbeiten. Ursprünglich wollten wir einen Film über einen einzelnen Tag im Gaza-Streifen machen, ohne Interviews und mit verschiedenen Personen. Aber wir ließen das Skript relativ offen, da wir natürlich auch die Ideen der Leute vor Ort mit einfließen lassen wollten. 
 

Wie habt ihr den Film finanziert?
 

Bei der Finanzierung half uns unser Dasein als Kollektiv. Anfangs hatten wir absolut kein Geld, kein Budget. Deswegen benutzten wir unser Netzwerk, um Geld zu sammeln. In Italien, nach 20 Jahren Berlusconi, gibt es für Projekte wie das unsere keinerlei Unterstützung, keine Kultur-Förderungen, nichts. Deswegen griffen wir auf Crowdfunding zurück. Wir organisierten kulturelle Events und Partys an unseren verschieden Standorten, zum Beispiel in Bologna, Rom, Bergamo und Turin. Es war wirklich eine Menge Arbeit. Viele Menschen unterstützten uns auch direkt, manchmal auch nur mit 10 Euro. Im Abspann des Films sieht man wie viele Leute einen Beitrag geleistet haben. Man kann also sagen, dass unser Netzwerk, das nicht nur aus Filmemachern besteht, sondern auch aus sozialen und politische Gruppierungen und NGOs, ein absoluter Vorteil war. Auch für die Umsetzung vor Ort. Ohne unsere Kontakte wären wir nicht mal in den Gaza-Streifen reingekommen.


Ihr seid fünf Regisseure, ist es nicht sehr kompliziert ein kreatives Projekt mit fünf verschiedenen Köpfen zu realisieren?
 

Natürlich. Es ist kompliziert. Andererseits kann es aber auch sehr hilfreich sein. Jeder hat bestimmte Vorstellungen, bestimmte Talente. Und als Kollektiv versuchen wir, diese Talente gezielt einzusetzen. Insgesamt ist es bereichernd, immer mehrere Ansichten zu haben und auf dieser Grundlage zu entscheiden. Wichtig war, dass wir uns auf einige Grundsätze einigen konnten. Zum Beispiel die Kameraführung: Sie wirkt wie aus einem Guss, wurde aber von drei verschiedenen Leuten durchgeführt. Jede Entscheidung wurde gemeinsam getroffen, um so eine visuelle Kontinuität zu erreichen.
 

Ihr kommt aus einem sehr politischen Hintergrund. Natürlich hat der Film eine Botschaft und ist sehr relevant für das Geschehen im Gaza-Streifen. Aber er wirkt nicht direkt anklagend oder beinhaltet extreme politische Wertungen. War das eine bewusste Entscheidung?
 

Wir denken, dass die Kraft des Films darin liegt, dass wir zeigen und dokumentieren und so eine Alternative geben zu den typischen Bildern aus dem Gaza-Streifen, die unserer Meinung nach eine Distanz zu den Menschen aufbauen. Um diese Distanz zu abzubauen, wollten wir Menschen in ihrem täglichen Umfeld beleuchten, um so eine Verbindung zwischen dem Publikum und den Protagonisten aufzubauen. Im Endeffekt sieht man auch, dass ihr Leben nicht so anders ist als unseres. So bekommt man, denke ich, eine besseres Verständnis für ihre Probleme und ihr Umfeld. – die täglichen Probleme und das Umfeld der Menschen im Gaza-Streifen

Außerdem, glaube ich, haben wir uns weiterentwickelt: vom Protestfilm zu einem mehr kinematographischen Ansatz.  Wir waren überall auf der Welt, zum Bespiel in Kolumbien und  in Mexiko bei den Zapatisten, und immer drehten wir politische Filme über die Menschen dort. Es wurde immer klarer für uns, dass wir als Außenstehende nicht alles gleich verstehen können und eine Bewertung von unserer Seite der Sache oft nicht gerecht werden kann. Deswegen veränderten wir unseren Ansatz in die Richtung, dass wir mit filmischen Mitteln die Situationen zeigen und so einen differenzierten Einblick geben. Außerdem muss man auch sagen, dass es nicht unser Anspruch war, einen Film für Leute wie uns selbst zu machen, die sowieso wissen, welche Zustände im Gaza-Streifen herrschen. Vielmehr wollten wir mit unserem Projekt unseren Radius erweitern und mehr Leute erreichen. Der Film wird jetzt international auf Festivals gezeigt, was ein wahnsinniger Erfolg für uns ist! Wir haben es tatsächlich geschafft, dass die Thematik des Films eine größere Reichweite bekommt.
 

Wie wurde euer Film bis jetzt aufgenommen?
 

In Italien haben wir den Special Jury Award in Turin gewonnen. Das war eine natürlich eine große Genugtuung für uns, da dieses Festival weitestgehend von der Film-Elite Italiens dominiert wird: statisches, konservatives Kino. Dort als Kollektiv einen Preis zu gewinnen war eine kleine Revolution und sehr bedeutend. Am wichtigsten war uns aber die Reaktion aus Gaza selbst. Den Film all unseren Unterstützern zu zeigen, das war das Größte für uns. Die Leute sagten: „Das ist so cool. Das sind wir.“  Das war genau das, was wir erreichen wollten. Dass die Menschen sich in dem Film erkennen und wir ihr Leben zeigen, das sonst hinter all den politischen Konflikten untergeht. Und sogar aus Israel und jüdischen Gemeinden bekamen wir positives Feedback.

Interview: Philipp Großmann & Sascha Stremming