Rede von Heidi Specogna bei den Solothurner Filmtagen

 

links: Heidi Specogna, rechts: Anita Hugi Copyright: Solothurner Filmtage

Dass meine erste Werkschau in Solothurn stattfindet, rührt und berührt mich sehr. Ich bin nicht weit von hier geboren und aufgewachsen, ich trage den Geruch des Juras, der Aare, des Seelands auf immer in der Nase – ich rieche dieses besondere Bouquet, wenn ich weit weg bin und „Heimweh“ sage.
 
Alles, was ich für meine spätere Arbeit, für das Filmemachen gebrauchen konnte, habe ich hier am Jurasüdfuss gelernt. Am wichtigsten: die Neugier auf das Andere, auf das Fremde.
Auf die Menschen, die auf der anderen Seeseite leben. Die Menschen, die französisch sprechen. Die Menschen, die vom Jura kommen. Die Menschen, die uns auf der Durchreise besuchen … Hier habe ich gelernt, über das Andere, das Fremde zu staunen und Fragen zu stellen.
 
Dokumentarfilm als Betrachtung, als Erlebnis bedeutet, den Zuschauer auf eine Erfahrungsreise mitzunehmen. Zu diesem Anderen, zum Fremden. In den Worten von Emmanuel Levinas: „Einem Menschen begegnen heißt, von einem Rätsel wachgehalten werden.“ Heute müssen wir in vielen Bereichen feststellen: Die Zeit, in der es das Andere als Geheimnis, als Verführung gab, ist vorbei. Heute ist mit dem Anderen oft Vorsicht oder gar Angst verbunden.
 
Was vermag Dokumentarfilm zu leisten?
 
Einerseits wenig, weil wir in einer Welt leben, wo Machthaber wie Donald Trump, Wladimir Putin, Tayyip Erdogan, Benjamin Netanjahu fähig sind, mit einem einzigen Reflex die Realität von uns Menschen auf den Kopf zu stellen und die Welt unberechenbarer zu machen.
 
Aber auch in einer solchen Welt, vielleicht gerade in einer solchen, vermag der Dokumentarfilm etwas auszurichten. Nicht der einzelne Dokumentarfilm, ich meine den Geist, aus dem er hervorgeht. Der Dokumentarfilm ist Wegweiser zu inneren Orten, wo menschliche Erfahrung herrührt. Er bringt uns in Berührung mit einem Wissen um das, was gut und was böse ist. In einer aufrichtigen dokumentarischen Erzählung erfahren wir etwas über zwischenmenschliche Beziehungen, über universelle, ethische Entscheidungen, über authentische Emotionen.
 
Dokumentarfilme wirken über die Kraft, die sie im Zuschauer wecken. Über den Drang, das Innenleben von Protagonisten verstehen oder ergründen zu wollen: ihre Werte, ihre Verrücktheiten, ihre Ängste, die Augenblicke ihrer Größe. Dieser Wunsch weckt jenes politische Bewusstsein, ohne das eine Wendung zum Guten sich nicht einleiten ließe.
 
Bei Elias Canetti findet sich ein Gedanke, der für mich an den Kern der Dokumentarfilmkunst rührt: Canetti unterscheidet darin zweierlei Geister. Solche, die sich in Wunden und solche, die sich in Häusern niederlassen. Die Wunde ist in diesem Bild die Öffnung, durch die das Andere eintritt. Das Ohr, die Augen, die sich für das Andere öffnen. Wer in seinem Gemäuer steckt und allenfalls durch Schießscharten blickt, bekommt davon nichts mit. Die Mauern schützen ihn vor dem Eindringen des Anderen. Die Wunde aber bricht die komfortable Innerlichkeit auf.
 
Wer Dokumentarfilme macht und wer Dokumentarfilme schaut, ist oder wird ein Fürsprecher für das Andere. Und damit für den reichen Schatz an Menschlichem, den uns das Andere beschert.