Das Kino als Erziehungsratgeber?

Interview mit dem Produzenten Ingo Fliess zum Dokumentarfilm ELTERNSCHULE

Seit er vor einer Woche in den Kinos anlief, erregt ein Dokumentarfilm die Gemüter in den sozialen Medien: ELTERNSCHULE von Jörg Adolph und Ralf Bücheler gibt Einblicke in den Alltag der Abteilung „Pädiatrische Psychosomatik“ der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen. Wir erleben schreiende Kleinkinder und überforderte Eltern, die sich vom Team um den Psychologen Dietmar Langer Hilfe erhoffen. Schon kurze Zeit nach dem Kinostart bricht sich im Internet ein Shitstorm Bahn: Dem Film wird die Agitation zugunsten eines autoritären Erziehungsstils vorgeworfen, gegen den sich nun von verschiedensten Seiten Widerstand formiert. Wie konnte es soweit kommen? Und: Was verraten die heftigen Reaktionen über Sehgewohnheiten und die Mechanismen der sozialen Medien? Festivalleiter Daniel Sponsel hat mit dem Produzenten des Films Ingo Fliess über ELTERNSCHULE gesprochen. Lesen Sie hier das Interview im Einzelnen. Antworten auf alle allgemeinen Fragen zum Inhalt des Films bieten Ihnen die FAQs zu ELTERNSCHULE.

 

ELTERNSCHULE zeigt symptomatisch die Konflikte, die bei der Erziehung zwischen Eltern und ihren Kindern auftreten können. Warum stehen die unterschiedlichen Methoden der Erziehung, die eigentlich dem Bereich des Privaten zuzuordnen sind, mit dem Film ELTERNSCHULE plötzlich im Fokus einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Debatte?

Im Grunde war das die Absicht: ein Gesellschaftsporträt in Klinikräumen auszumachen, das das Thema “Familie" wie in einem Brennglas zeigt. Das war die aufregende und herausfordernde Ausgangslage. Der Film ist ja kein Ratgeber für Erziehungsfragen, sondern zeigt den Alltag in einer psychosomatischen Klinik mit Hilfesuchenden – Eltern wie Kindern. Das heißt aber nicht, dass man die Erkenntnisse der Protagonist.innen nicht auch auf seinen eigenen Alltag mit Kindern übertragen kann – so wie in jedem guten Film eine Extremsituation trotzdem Erkenntnisse für die eigene Situation beinhalten kann. Doch das ist natürlich auch eine Frage der Erwartungshaltung und der Sehgewohnheit: Nicht jeder wird gerne allein gelassen mit einem rein beobachtend gedrehten Film. Aber viele Zuschauer.innen sehen auch, was sie sehen wollen oder zu wissen glauben, ohne den Film überhaupt gesehen zu haben. Wir mussten sogar einige Blogger juristisch in die Schranken weisen, weil sie einfach falsche Tatsachenbehauptungen verbreitet haben.

Ihr verfolgt also kein lobbyistisches Interesse mit dem Film ELTERNSCHULE. Was ist euer erzählerisches Ziel?

Wir waren und sind beeindruckt von den Methoden unserer Protagonist.innen. Mit ihrer Arbeit berühren sie grundsätzliche Fragen der Menschwerdungs- und der Kulturgeschichte. Durch die Konzentration auf einen Ort und eine überschaubare Zeit können wir im Film komplexen Methoden der Pädagogik, Psychologie und Psychosomatik beim Wirken zusehen – und das alles auch noch auf sehr kurzweilige und lehrreiche Weise. Im Grunde bietet ELTERNSCHULE also alles, was sich ein Produzent von Kinodokumentarfilmen wünschen kann. 

Nun seid ihr mit dem Film in den Mittelpunkt einer hochemotionalen Social Media Debatte geraten. Was für Erkenntnisse nehmt ihr daraus mit, wie kann sich ein Film, der selbst an einem offenen gesellschaftlichen Diskurs interessiert ist, positionieren?

Der Film ist in der Welt und muss sich nicht positionieren, das haben wir als Macher.innen längst vorher getan, indem wir den Film entwickelt, finanziert, gedreht, geschnitten und vertont haben. Jetzt ist er Auslöser einer Debatte, zum Teil auch einer Kampagne und erzeugt bei vielen totale Ablehnung und zum Teil ohnmächtige Wut, bei sehr vielen aber auch Glücksgefühle und Dankbarkeit. Meine wichtigste Erkenntnis: Social Media ist denkbar ungeeignet für eine sinnvolle Debatte. Ich habe in den letzten Tagen überhaupt erst verstanden, was eine „Internetblase“ ist und wie radikale Ideologien ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft finden können. Ich würde sagen: Trump oder die AfD würde es ohne Social Media nicht geben. Die tolle Erfahrung: Die konstruktive Diskussion – trotz unterschiedlicher Meinung mit Respekt und gegenseitigem Zuhören geführt – findet aber sehr wohl statt: im Kinosaal nach dem Film. Wenn es also einen Beweis für die enorme Wichtigkeit des Kinos in diesen Zeiten bräuchte, hier wäre er!