Antifeministische Frontfrauen

Der Historiker und Kolumnist Matheus Hagedorny über GOLDEN DAWN GIRLS von Håvard Bustnes, den Erfolg des Rechtspopulismus in Europa und die allgemeine Verunsicherung.

Filmstill GOLDEN DAWN GIRLS


GOLDEN DAWN GIRLS bei DOK.aroundtheclock

Als die neonazistische Partei „Goldene Morgenröte“ im Mai 2012 erstmals ins griechische Parlament einzog, erregte diese Nachricht auch in Deutschland Aufsehen. Doch inmitten einer Wirtschafts- und Finanzkrise, die durch die von Berlin forcierten Sparauflagen zu einer Erosion des Staates führte, erschien dieser faschistische Wiedergänger vielen wie ein Ausreißer unter außergewöhnlichen Bedingungen. Nach der landläufigen Extremismustheorie verlieren Absteiger eben regelmäßig das Vertrauen in etablierte Parteien und schließen sich je nach Neigung verschiedenen politischen Hasardeuren an. So wird der Weg vom bürgerlichen Mitte-Menschen zum antidemokratischen Outlaw üblicherweise beschrieben, aber keineswegs erklärt.

Der Weg von der demokratischen, maßvollen Mitte in demokratiefeindliche Unduldsamkeit bleibt als Rätsel zurück. Gerade in Deutschland, das sich den Kennzahlen nach als Gewinner der Wirtschafts- und Finanzkrise bezeichnend darf, steht der Erfolg der rechtspopulistischen AfD in keinem direkten Bezug zu sozialem Abstieg. Entsprechend aufgekratzt und ratlos verliefen die Debatten von Wahlerfolg zu Wahlerfolg. Dabei steckt in der Rede vom „Extremismus der Mitte“ die Einsicht, dass der Keim für antisemitische Weltanschauungen, fremdenfeindliche Ausfälle und Wut gegen rechtsstaatliche Aushandlungsverfahren bereits im Normalbetrieb liberaler Demokratien verankert ist. Der Wunsch nach harmonischer Einparteienherrschaft und die Sehnsucht nach starken Führungspersönlichkeiten sind in Deutschland lange registriert, in Sachsen und Thüringen sogar mehrheitsfähig. In vielen Schriften über die zerbrechliche demokratische Mitte erscheint selbige aber weiter als wundersam verführtes Opfer finsterer Machenschaften von Rechtspopulisten und fremdländischer Trolle.

Zwischen Existenzangst und Täteridentifikation

Demokratie höchstselbst geht als hehres Ideal stets unbefleckt aus diesen Auseinandersetzungen hervor. Sie ist heiliger Gral für den Erhalt der Grundrechte, sei natürliches Ventil zur Sicherung des sozialen Friedens und bleibe einzig faires politisches Mittel zur Erringung von allgemeinem Wohlstand. Doch immer schärfere soziale Ungleichheit und die Ausweitung von Kinderarmut zeigen die begrenzte Leistungsfähigkeit der politischen Steuerung ökonomischer Prozesse. Die neoliberale „Deregulierung“ verkaufte sich als wirtschaftliche Entsprechung gesellschaftlicher Libertinage, bis die allgemeine Verunsicherung die meisten erreicht hatte. Die rot-grüne Agenda 2010 wirkte als großes Programm zur Verbilligung der Ware Arbeitskraft. Und während die Tarifbindung der abhängig Beschäftigten weiter aufgeweicht wird, fürchtet der Mittelstand zusehends um die Sicherung des erreichten Lebensstandards. Zwischen einem akzeptablen Auskommen und der Grundsicherung am Existenzminimum liegen bei Entlassung zumeist nur ein Jahr und ein Tag. Die Abstiegsangst ist so begründet wie viele Reaktionen auf sie unmenschlich sind.

Will man die rechtspopulistischen oder gar faschistischen Reaktionen auf eine gesellschaftliche wie individuelle Krise begreifen, reichen moralische Empörung und Manipulationstheorien nicht hin. Es sind keine psychische Störungen, von denen die Rede ist. Das ernüchternde Alltagserleben des postmodernen Menschen ist Ohnmacht. Ohnmacht gegenüber ökonomischen Prozessen, die wiederum selbst nicht auf der freien Planung und Steuerung von Personen basieren, sondern überpersönlich und anonym im Denken und Handeln jedes Menschen zur Geltung kommen. Es sind Prozesse, die innerhalb einer Lebensspanne hergebrachte Gewohnheiten, Überzeugungen und soziale Hierarchien auflösen können. Die Frage ist, welche Antwort auf die Erfahrung dieses umfassenden Ausgeliefertseins gegeben wird. Stellt man die Frage nach dem „Was?“ und konzentriert sich auf die Erkenntnis der für dieses Ohnmachtserleben ursächlichen Strukturen im ungesteuerten Wirtschaftsleben. Oder nimmt man dieses als Schicksal hin und fragt bloß immer nur nach dem „Wer?“, versteht die moderne Welt als bösartige Verschwörung gegen einen eigentlich im humanistischen Interesse arbeitenden Kapitalismus, und propagiert das Abreagieren gegen Personengruppen. Dies eine psychische Entlastung, welche die soziale Unmündigkeit stabilisiert oder sogar vertieft.

GOLDEN DAWN GIRLS und Frauen als rechte Galionsfiguren

Seit dem Jahre 2015 dient besonders die Flüchtlingsbewegung als Anlass für entsprechende Wutausbrüche. Der Hass auf Flüchtlinge ist mehr als eine simple Entsolidarisierung. Es ist der Hass auf müheloses Einkommen. In den projektiven Bildern von den „Glücksrittern“ aus dem Orient steckt der Verrat am gesellschaftlichen Ziel, auch ohne Arbeit leben zu können. Nicht die Tatsache, dass Arbeiter und Angestellte eine fremdenfeindliche Partei wählen, die ihre Rechte am Arbeitsplatz einschränkt, ist verwunderlich, sondern die Verwunderung darüber. Es ist stets leichter, sich zumindest ethnisch als Vorgesetzter zu behaupten und andere unter sich zu wissen, als etwa soziale Interessen gegen Vorgesetze, Unternehmerverbände und den Staat kollektiv durchzusetzen. Wer allein die scharfen Töne und politischen Maßnahmen gegen den durch und durch legalen Streik der Lokführer verfolgt hat, dürfte eine Ahnung von dem Preis haben, den eine umfassendere soziale Befreiung kosten könnte. Die Lust, sich mit der Macht zu identifizieren, die einen selbst unterwirft, scheint noch immer größer zu sein.

Griechenland als Staat gewordener Verlierer der europäischen Währungskrise versammelt diese allgemeineren Tendenzen wie in einem Brennspiegel. Während die Mehrheit der Griechen das in Berlin ersonnene Spardiktat anficht, und ihren Protest mitunter mit Nazivergleichen gegen Merkel und Schäuble garniert, setzt eine Minderheit auf Nazigewalt. Eine Neonazipartei in einem Land, das von der deutschen Besatzung mit Raub und Mord überzogen wurde, ist eine extreme Form der „Identifizierung mit dem Angreifer“. Und innerhalb der Partei „Goldene Morgenröte“ sind es die porträtierten Übergangs-Führerinnen einer Nazibewegung, die dem Zuschauer dahingehend das größte Rätsel aufgeben. Warum engagieren sich Frauen an vorderster Front für eine Politik, die ihre Verdrängung aus Politik und Wirtschaft zum Ziel hat? Auch hier neigt man dazu, von einem „objektiven Interesse“ an Gleichstellung und Emanzipation auszugehen, welches diese Frauen eigentlich in sich tragen müssten. Dabei wirkt im extrem patriarchalen Regime der Neonazis ein für nicht wenige Frauen attraktives Angebot gegen weibliche Emanzipation: die Teilhabe an patriarchaler Herrschaft durch Komplizenschaft, die in der Unterdrückung von emanzipierten „Lesben“, der Jagd auf Migranten und der Hetze gegen Juden besteht. Es ist das Versprechen, den Untergang der Individualität mit einem kärglichen, aber stabilen Sozialprestige belohnt zu bekommen. GOLDEN DAWN GIRLS überführt en passant den Quatsch, der die Rede vom „rechten Feminismus“ ist. Zu keinem Zeitpunkt überschreiten die drei Frauen das Mandat, das ihnen ihre inhaftierten Männer und Väter für die Dauer ihrer Abwesenheit übertragen haben. Dem Dokumentarfilm gelingt es, den Markenkern der Neonazis pointiert auszuleuchten: Antiglobalisierung als Chiffre für judenfeindliche Weltanschauung, die Leugnung faschistischer Tradition, wo die Referenzen offensichtlich sind, und der stete Versuch, die „so genannte Demokratie“ durch eine vermeintlich authentische, die Volksgemeinschaft, zu ersetzen. Die autoritäre Revolte ist also der Versuch, Demokratie vom Liberalismus zu trennen und dadurch beide zu zerstören.

Populistisches Patchwork als Erfolgsrezept

Die Wiederauflage eines faschistischen Zeitalters steht in Europa derzeit nicht auf der Tagesordnung. Wie die überwältigende Mehrheit der krisengeplagten Griechen für ein Verbot der „Goldenen Morgenröte“ steht, führt auch der deutsche Rechtsruck nicht zum Durchbruch für neonazistische Bestrebungen. Es scheint, als sei der uneigentliche Rechtsradikalismus der AfD das ideale Patchwork der deutschen Rechten im Zeitalter zerfallender Ideologien. Der Erfolg des Rechtspopulismus erweitert und verfestigt die Gelegenheitsstrukturen für fremdenfeindliche Militanz, die Unterwanderung des Staates und rechtsterroristische Zusammenschlüsse. Die Partei ist weltanschaulich flexibler, professioneller und bewegungsorientierter als alle ihre populistischen Vorreiter. Die Wählerschaft einer obsoleten Sozialdemokratie erreicht sie genauso wie die Anhänger, welche die post-konservative Union unter Angela Merkel eingebüßt hat. Sie bedient die neoliberalen Gewinner der rot-grünen Agenda 2010 genauso, wie sie viele Betroffene der „Deregulierung“ mit einem antisemitisch gestimmten „sozialen Patriotismus“ bei der Stange hält.

Tatsächlich funktioniert Rechtspopulismus dabei, anders als Neonazismus, kaum mehr ohne weibliche Galionsfiguren. Die Unentbehrlichkeit von weiblichen Führungspersönlichkeiten in der AfD zeigt, dass einige Motive von Liberalisierung und Gleichstellung auch die Optik konservativer Milieus verändert haben. Hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses zeigt die Rolle der Parteivorsitzenden Frauke Petry und Alice Weidel an, wie Ausnahmen die Regel bestätigen. Petry wie Weidel beeilen sich, den performativen Widerspruch einer antifeministischen Frontfrau zu bewältigen. Sie stehen für die neuen Möglichkeiten der Frau. Dazu gehört die freie Wahl der Frau gegen jede Emanzipation. Geschenkt, dass Frauen arbeiten und Politik betreiben dürfen, so lange die Geburtenziffer der Autochtonen keinen Schaden nimmt. Geschenkt auch, dass Homosexualität akzeptabel ist, so lange sie nicht sichtbar ist.

Die progressiv gestimmte Opposition gegen die rechtsautoritäre Revolte schwächelt auch deshalb, weil sie Migranten, Homosexuelle und Proletarier noch dann hinter sich meinte, als viele sich längst den autoritären Angeboten islamistischer oder rechter Provenienz zuwendeten. Sie muss einsehen, dass ihr auch die selbstverständlichsten Begriffe entgleiten können. Das gemeine Verständnis von Demokratie verschiebt sich immer weiter in Richtung einer „Tyrannei der Mehrheit“, die sich gegen wechselnde Volksfeinde aufwirft. Der bis in die CSU hofierte ungarische Herrscher Viktor Orban hat dieser Aussicht einen unübertroffenen Namen gegeben: illiberale Demokratie.

 

Matheus Hagedorny, Jahrgang 1986, studierte Philosophie, Neuere Geschichte sowie Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bonn. Er war zuletzt Lehrbeauftragter am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin und schrieb für die linke Wochenzeitung Jungle World über die sogenannte rechtsintellektuelle Szene.