SAN CLEMENTE

Frankreich 1982 – Regie: Raymond Depardon, Sophie Ristelhueber – Originalfassung: italienisch – Untertitel: deutsch

San_Clemente_02.jpg

Die letzten Tage in der Psychiatrie. San Clemente, eine kleine Insel vor Venedig. Bis 1980 gab es dort eine psychiatrische Anstalt. Im Zuge der Anti-Psychiatrie-Bewegung Italiens wurde sie geöffnet, die Insassen entlassen. "Freiheit heilt", lautete das Motto. Lediglich die schwer Erkrankten wurden in andere Kliniken verlegt.

1977 lernt Depardon den berühmten Reform-Psychiater Franco Basaglia kennen. Dieser verschafft ihm Zugang zu San Clemente, wo Depardon eine Fotoserie macht. Eines Tages aber, so berichtet er später, habe er keinerlei Emotionen mehr mit dem Fotografieren verbunden. "Ich hatte keine Angst mehr vor den Verrückten. Sofort habe ich mit meiner Arbeit aufgehört und bin nach Paris zurückgekehrt."

Im Februar 1980 fahren Depardon und seine Begleiterin Sophie Ristelhueber erneut nach San Clemente, um die Einrichtung kurz vor ihrer Schließung zu filmen. Viele der Insassen begegnen ihnen mit Gleichgültigkeit, andere mit Aggression. Immer wieder ziehen sie Regisseur und Tonfrau in ihr Spiel hinein, provozieren sie zu Inszenierungen, bei denen sie selbst Regie führen. "Jeder ist sich bewusst, gefilmt zu werden, und die Reaktionen darauf sind phantastisch." Raymond Depardon.

    Supporter of BEST.DOKS 20/20

Kamera: Raymond Depardon. Ton: Sophie Ristelhueber. Schnitt: Olivier Froux. Produktion: Pari Films. Produzent: nn. Länge: 100 min. Verleih: Freunde der Deutschen Kinemathek

Bio-Filmographie RAYMOND DEPARDON, geb. 1942 in Villefranche-sur-Saône. Aufgewachsen auf dem Bauernhof seiner Eltern. 1958 als Fotoreporter in der Agentur Dalmas in Paris. 1960 Militärdienst im Algerienkrieg als Fotoreporter des Verteidigungsministeriums. Nach seiner Rückkehr nach Paris lernt er die amerikanische cinema direct-Bewegung kennen und beginnt mit dem Filmemachen. 1963 in Venezuela Bekannschaft von Chris Marker. 1967 Gründung der ersten unabhängigen Fotoagentur Frankreichs, Gamma. 1973 Robert-Capa-Preis. 1975 Pulitzer-Preis für seine Fotoarbeit über den Tschad. 1978 Magnum-Fotograf. 1981 erhält er den César für den Besten Dokumentarfilm. Seit 1984 macht Depardon auch Spielfilme.

Filme (Auswahl) 1963 Venezuela, 1969 Jan Palach, 1970 Tchad 1: L'embuscade, 1974 Une Partie de campagne, 1975 Tchad 2, 1976 Tchad 3, 1980 Dix minutes de silence pour John Lennon, 1981 Reporters, 1982 San Clemente, 1983 Faits divers, 1984 Les Années déclic, 1988 Urgences, 1990 La Captive du désert, 1994 Délits flagrants, 1996 Afriques: Comment ça va avec la douleur?, 2001 Profils paysans: l'approche, 2002 Un Homme sans l'Occident, 2004 10e Chambre – Instants d'audience, 2005 Profils paysans: le quotidien