Retrospektive Georg Stefan Troller

© Norbert Schmidt, Gießen/Wettenberg

Erst spät richtet der akribische Beobachter, der für das Fernsehen unzählige Menschen vor die Kamera holte, den Blick auf seine eigene – von ironischen Zufällen durchzogene – Ge­schich­te. In Österreich als Kind jüdischer Eltern geboren, entgeht Georg Stefan Troller mit 17 Jahren nur knapp der Deportation. Kurz vor Kriegsende kehrt er als Soldat aus Amerika zurück und erhält die erste Gelegenheit, seine Menschen­kenntnis zu schulen – bei der Ver­neh­­­mung deutscher Kriegsgefangener, die in ihm den Besatzer sehen.

Ab den 60er Jahren berichtet Troller im PARISER JOURNAL aus der “einzigen Metro­pole“ und bringt im Anschluss für das ZDF über zwanzig Jahre lang die berühm­ten PER­SONENBESCHREIBUNGEN heraus. Sein radikal subjektiver Interviewstil und ein Interesse an widersprüchlichen Charakteren sind erst umstritten, dann stilprägend für das junge Medium Fernsehen. Im Mittelpunkt der Porträts und Reportagen steht dabei bis zuletzt: das Individuum als Selbstdarsteller, Maskenträger, leidvoll Verstrickter und Glücksuchender.

Mit messerscharfen Fragen seziert der Interviewer seine Protago­nisten und schält Schicht um Schicht ihre Wahrheit heraus, ohne jemals das innerste Geheimnis der Person, ihre Würde, preiszuge­ben. Dabei ist dem Beobachter bewusst: Es ist das eigene Gesicht, das das Gegenüber vor der Kamera zurückspiegelt. In seinen besten Momenten verwandelt sich das Frage-Antwort-Spiel zum tiefempfundenen “Beicht­gespräch” und zur “Selbst­therapie”. Als “Menschenfresser” hat sich Troller selbst einmal bezeichnet und damit doch immer auch den Liebenden gemeint.

Unter seinen Protagonisten finden sich radikale Einzelkämpfer (MUHAMMAD ALI – DER LANGE WEG ZURÜCK), Menschen, die von der Gesellschaft zu Außenseitern gemacht wurden (RON KOVIC – WARUM VERSCHWINDEST DU NICHT?) oder solche, die sich selbst ins Abseits katapultiert haben (AMOK!). Der Hunger nach Geschichten führt den Journalisten auf die Straßen seiner Pariser Wahlheimat (TAGE UND NÄCHTE IN PARIS) und zu den Mördern und Schwererziehbaren ins Gefängnis (MORD AUS LIEBE, BEGEGNUNG IM KNAST).  

Erst im Jahr 2001 konfrontiert sich der knapp 80-Jährige in seinem Film SELBSTBE­SCHREIBUNG vor der Kamera mit der eigenen Vergangenheit, der Kindheit in Wien und dem Trauma der Migration. Bis zuletzt bewahrt sich Troller dabei die hintergrün­dige Ironie, wenn er dem Zuschau­er das eigene Schicksal so offenlegt, dass der vor dem Bildschirm nicht umhin kommt, auszurufen: “Das bin ja ich!”

Georg Stefan Troller wird ausgewählte Filme seiner Werkschau persönlich vorstellen.

 

MUHAMMAD ALI – DER LANGE WEG ZURÜCK, DE 1974, 30 Min.
RON KOVIC – WARUM VERSCHWINDEST DU NICHT?, DE 1977, 30 Min.
BEGEGNUNG IM KNAST, DE 1981, 45 Min.
MORD AUS LIEBE, DE 1993, 85 Min.
AMOK!, DE 2001, 45 Min.
SELBSTBESCHREIBUNG, DE 2001, 80 Min.
TAGE UND NÄCHTE IN PARIS, DE 2004, 60 Min.
 
Mit freundlicher Unterstützung des Lehrstuhls Creative Writing der HFF München