Im Leben der Anderen

DOK.fest-Retrospektive 2020: Das “Zeitraffer-Kino“ der Helena Třeštíková

 

„Man lebt und lebt, und plötzlich ist man über Sechzig“, sagt Honzas Vater Petr in PRIVATE UNIVERSE. Wie wird der strohblonde Junge, der eben seine ersten, unsicheren Schritte wagt, einmal als Erwachsener aussehen? Helena Třeštíková taucht in ihren Filmen tief in Biografien ein, in private Universen. Die tschechische Regisseurin ist eine Meisterin der Langzeitbeobachtung, der Kür dokumentarischen Schaffens. Als „Zeitraffer-Filmemachen“ hat sie selbst einmal ihre Arbeitsweise beschrieben. Häufig folgt sie Menschen über Jahrzehnte hinweg, sammelt große Mengen an Material, das erst in der aufwendigen Montage nach dem Dreh seine finale Form findet.

Třeštíková, Jahrgang 1949, hat an der Prager Filmhochschule FAMU studiert und bis heute mehr als 50 Filme realisiert. In ihrem 15-minütigen Abschlussfilm MIRACLE von 1975 zeigt sie, wie ihre Freundin Jana Mutter wird: deren Ängste und die des Vaters Petr, die Gefühle, das Glück und den Alltag. Die Regisseurin beschließt, Janas und Petrs Sohn Honza weiterhin zu begleiten. 37 Jahre später erzählt der Film PRIVATE UNIVERSE den „Entwicklungsroman“ von Honza und seiner Familie. Auch die Eheetüden der MARRIAGE STORIES kreisen um familiäre Mikrokosmen, sind Langzeitbeobachtungen. Ebenso RENÉ: Anfangs ein Jüngling, halbstark mit nietenbesetzter Lederjacke, wird er viele Jahre im Gefängnis verbringen um dort, mit Unterstützung der Filmemacherin, zum Autor zu werden. MALLORY schließlich will es unbedingt schaffen, clean zu bleiben – sie hat gerade einen Sohn bekommen. 13 Jahre lang geht Třeštíková mit ihr durch Höhen und Tiefen.

Stets spiegelt und bricht sich in Třeštíkovás Filmen die Zeitgeschichte, der Makrokosmos in den Mikrokosmen: Václav Havel hält seine denkwürdigen Reden, Revolutionen ziehen auf dem Fernseher vorüber, der erste tschechische Kosmonaut schwebt durchs All: Und dann und wann singt Karel Gott. Třeštíková macht, ganz im Sinne Jean-Luc Godards, keine politischen Filme, sondern Filme politisch.

Dies gilt auch, wenn sich die Regisseurin für Menschen interessiert, die in der Öffentlichkeit standen: wie die Schauspielerin und Sängerin Lída Baarová in DOOMED BEAUTY, der nachgesagt wird, Joseph Goebbels’ Geliebte gewesen zu sein oder Miloš Forman in ihrem jüngsten Werk FORMAN VS. FORMAN. Unkonventionell eignet sie sich das Archivmaterial an; das Zeitbild, das sie entwirft, ist alles andere als auktorial historisch. Subtil lässt sie das Material aufeinanderprallen – ähnlich wie in ihren Langzeitbeobachtungen.

Das Leben der Anderen wirft auf das eigene Leben zurück, auf die eigenen kleinen Dramen und großen Augenblicke. Wir leben und leben, und plötzlich sind wir über Sechzig. Helena Třeštíkovás Filme schärfen den Blick für die wichtigen Details. Oft schärfen sie so den Blick für das Glück. Und dann und wann singt Karel Gott.

Julia Teichmann

 

Die Filme

 

Donnerstag, 7. Mai 2020, 19.00 Uhr:


FORMAN VS. FORMAN (2019)
R: Helena Třeštíková, Jakub Hejna I K: David Cysar I 78 Min. I OmeU

Miloš Forman in Wort und Bild! In Archivaufnahmen und Interviews entsteht das faszinierende und intime Porträt des tschechisch-amerikanischen Meisterregisseurs.

 

Freitag, 8. Mai, 19.00 Uhr:


MIRACLE (1975)
R: Helena Třeštíková I K: Jesicca Horváthová I 15 Min. I OmeU

Der frühe Kurzfilm der tschechischen Regisseurin lässt bereits ihre spätere Handschrift erkennen – in wenigen Szenen entsteht das intime Porträt einer jungen Frau, die sich auf ihre Rolle als Mutter vorbereitet.

 

PRIVATE UNIVERSE (2012)
R: Helena Třeštíková I K: Vlastimil Hamerník, Jiří Chod, David Cysař I 83 Min. I OmeU

Eine ganz normale tschechische Familie, 37 Jahre lang im Fokus der Kamera, seit den 70er-Jahren. Das „private Universum“ des Familienlebens vor der Kulisse politischen und gesellschaftlichen Wandels.

 

Samstag, 9. Mai 2020, 18.00 Uhr:


RENÉ (2008)
R: Helena Třeštíková I K: Martin Kubala, Petr Pešek u.a. I 83 min. I OmeU

Über einen Zeitraum von 20 Jahren hält der Film das glücklose das Leben von René fest, das zwischen Gefängnis und Freiheit hin- und herpendelt. Während er sich als Desperado stilisiert, durchläuft das Land um ihn herum radikale Umwälzungen.

 

Sonntag, 10. Mai 2020, 11.00 Uhr:


MARRIAGE STORIES – IVANA AND VÁCLAV (1987)

R: Helena Třeštíková I K: Jan Malíř I 35 Min. I OmeU

 

MARRIAGE STORIES – IVANA AND VÁCLAV (2005)

R: Helena Třeštíková I K: Jan Malíř, Vlastimil Hamerník u.a. I 55 Min. I OmeU

Eine Zeitreise durch ein Eheleben – in ihrem ersten Dokumentarfilmzyklus begleitet Helena Třeštíková junge Paare vor und Jahrzehnte nach ihrer Hochzeit. Ein eindrückliches Dokument einer gesellschaftlichen Institution im Wandel der Zeit.

 

Sonntag, 10. Mai 2020, 18.00 Uhr:


DOOMED BEAUTY (2016)

R: Helena Třeštíková, Jakub Hejna I K: Jaromír Nekuda, Jan Malíř u.a. I 90 Min. I OmeU

Nazigrößen umwarben die gefeierte tschechisch-österreichische Schauspielerin Lída Baarová – allen voran der Reichsminister für Propaganda. Als „Goebbels Geliebte” verkehrte sie in den höchsten Kreisen der NS-Elite – eine Rolle, die ihr nach dem Krieg zum Verhängnis wurde.

 

Montag, 11. Mai 2020, 19.00 Uhr:


MALLORY (2015)

R: Helena Třeštíková I K: Miroslav Souček, Vlastimil Hamerník u.a. I 101 Min. I OmeU

Einfach nur ein glückliches Leben führen – das ist alles, was Mallory sich wünscht. 13 Jahre lang begleitet Helena Třeštíková ihre Protagonistin durch sämtliche Krisen, beständig und unbeirrbar auf dem Weg in eine bessere Zukunft.